Der 22. Juli ist für viele Menschen in Deutschland kein besonderer Tag. Dabei steht das Datum seit 2016 für rassistischen Terror in Deutschland – fand doch damals das Attentat am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München statt. Ein 18-Jähriger erschoss neun Menschen aus rassistischen Motiven. Lange Zeit wurde der Anschlag nicht als politische Tat gesehen, sondern als „Amoklauf“. Auch wenn die Tat inzwischen als rechtsextrem anerkannt ist, hat das Folgen für das gesellschaftliche Bewusstsein.

Mir ist es lange Zeit ähnlich gegangen. Rechtsextremer, rassistischer Terror in Deutschland, dafür standen für mich vor allem die Morde des NSU und die Anschläge von Hanau und Halle. Dass auch die Tat von München in diesem Kontext zu sehen ist, hat mir der Podcast Terror am OEZ bewusst gemacht. 2021 von Süddeutscher Zeitung und Spotify produziert, beleuchtet er neben der Tat selbst auch den gesellschaftlichen Umgang mit ihr.

Die Journalistin Nabila Abdel Aziz kommt selbst aus München, sie verknüpft den Terror von 2016 mit eigenen Erfahrungen. So stellt sie eine Nähe – auch für die Zuhörer:innen – her, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Stattdessen kommen vor allem die Angehörigen einiger der Opfer zu Wort, aber auch die Unterstützer:innen, die für die Anerkennung der Tat als rechtsextrem gekämpft haben.

Zwischen persönlicher Betroffenheit und gesellschaftlicher Einordnung wird Terror am OEZ damit zu einem Beispiel dafür, welche Wirkung der Podcast als Medium entfalten kann. Weil hier Raum gegeben werden kann – und das nicht nur, indem die Themen die Zeit bekommen, die sie brauchen (Terror am OEZ hat fünf Folgen, die 50 bis 60 Minuten dauern). Es geht auch um die Themensetzung selbst. Denn das ist ja eines der Probleme in Deutschland: Themen wie Rassismus gehen immer wieder unter in der öffentlichen Debatte. Sicher, das hat mit dieser Zeit der multiplen Krisen und Katastrophen zu tun. Aber eben auch mit einer Mehrheitsgesellschaft, wie sie in der Medienwelt besteht – und für die Rassismus zuweilen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint.

Weitere Podcasts zum Thema Rassismus in Deutschland

In der Podcastlandschaft befassen sich dagegen einige Formate mit rassistischen Angriffen in Deutschland. Kürzlich ist bei WDR-Cosmo der Podcast Schwarz Rot Blut erschienen. Und wenn man sich nicht vom reißerischen Etikett „True Crime“ abschrecken lässt, ist man nach den sieben Folgen sensibilisierter dafür, wie erfolgreich die deutsche Mehrheitsgesellschaft Rassismus ignoriert hat. Sieben Fälle hat ein Team an Journalist:innen gründlich recherchiert – beispielsweise um den iranischen Geflüchteten Kiomars Javadi, den 1987 in Tübingen ein Supermarktangestellter zu Tode würgte. Mit diesen Fällen wird stets das gesellschaftliche Klima beleuchtet – beispielsweise die rassistisch geprägte Debatte um die Asylpolitik der Bundesrepublik in den 1980er Jahren.

Den Blick auf die Gesellschaft schärft auch der Podcast Der Schuss von Porz. Ein Politiker drückt ab bei WDR 5. In fünf Folgen geht es um einen CDU-Lokalpolitiker aus Köln-Porz, der im Dezember 2019 vier Jugendliche rassistisch beleidigt und auf einen von ihnen schießt. Behutsam zeichnen die Journalistinnen Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser ein Bild der Gesellschaft, in der so etwas geschehen kann: zwischen CDU-Ortsgruppe und Schützenverein, in der sich ein Mann scheinbar auf Facebook radikalisiert, ohne dass Bekannte ihn als Rassisten wahrnehmen. Doch es geht auch um Menschen, die migrantisch gelesen werden – obwohl sie „Porzer Jungs“ sind.

Auch bei Terror am OEZ ist von den Opfern als Münchner Kindern die Rede. Für sie war der Rassismus tödlich – ebenso wie für Menschen in Halle, Celle oder Duisburg. Die Mehrheitsgesellschaft darf das nie vergessen.



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Von Veritatis

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