Man muss geistig immer offenbleiben und bereit sein, immer alles neu zu denken. Und auch mal demjenigen zu applaudieren, den man gestern noch auf das Schärfste kritisiert hat. Und morgen wieder kritisieren wird. Und so will ich heute keinem Geringeren als unserem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach meinen Respekt zollen. Oder zumindest eingestehen, dass ich heute vorschnell den Stab über ihn gebrochen habe. Als Buße will ich nun versuchen, dass ich künftig nicht jedes Mal ungläubig die Augenbrauen zusammenziehe, wenn ich diese Wortkombination lese – „Gesundheitsminister“ und „Lauterbach“.

Woher mein Sinneswandel kommt? Es ist gar keiner. Nur war ich heute nach einer Überschrift in der Zeitung „Welt“ gewillt, einen Verriss auf den Minister zu schreiben. Den er aber – zumindest in diesem Fall – gar nicht verdient hat. 

Aber er Reihe nach. Die „Welt“ hat die Brisanz seiner Warnung erkannt und sofort eine Schlagzeile daraus gemacht: „11:24 Uhr – „Leben in Gefahr“ – Minister Lauterbach erinnert an ausreichendes Trinken“.

In der Hitze des Gefechts – weil ich wie so viele manchmal nur die Überschriften lese, auch wenn ich weiß, dass das verwerflich ist – schrieb ich folgenden Tweet:

„Jetzt kann man nur noch darauf warten, dass er daran erinnert, bei Bedarf auf die Toilette zu gehen.
Und wie oft man duschen darf.
Willkommen im Erziehungs-Staat!“

Damit habe ich Lauterbach Unrecht getan. Zumindest in diesem einen Fall (hinsichtlich seiner generellen Politik ist die Kritik allerdings mehr als gerechtfertigt). 

Ich dachte mir, sind die jetzt völlig übergeschnappt, als ich diese Schlagzeile las. Ein genaueres Hinsehen ergab dann, dass die Zeitung sich auf einen Tweet des Ministers bezieht, in dem dieser schreibt: „Jüngere Menschen sollten auf Ältere achten und sie an die Bedeutung von ausreichendem Trinken und Kühle erinnern. Bei Älteren sind oft Temperaturempfinden und Durstgefühl gestört. Ihr Leben ist in den nächsten Tagen in Gefahr. Rücksicht und aktive Hilfe sind jetzt notwendig.“

So klingt die Sache schon anders. Und man kann durchaus sagen, dass ein solcher Tweet in so heißen Tagen eine Berechtigung hat. Ausnahmsweise muss ich Lauterbach hier also wirklich einmal in Schutz nehmen und Asche auf mein Haupt streuen. Mea Culpa. Entschuldigung, Herr Lauterbach! Ich werde Sie zwar weiter auf das Schärfste kritisieren, aber wo Sie Recht haben, haben Sie Recht. Auch wenn es so selten ist. 

Ganz anders als die Kollegen. Denn sie waren es, die mich aufs Glatteis führten. Es hat keine Berechtigung, wenn Journalisten aus so einem Tweet eines Ministers eine derart dumme Überschrift machen. Denn journalistisch ist es, immer das Wichtige in den Vordergrund zu stellen. Und das wäre hier die Gefahr für alte Menschen. Und nicht die Tatsache, dass Lauterbach davor warnt. 

Und weil ich selbst immer bemängle, dass es einfach ist, anderen etwas vorzuwerfen, und schwer, es selbst besser zu machen, hier ein Vorschlag, wie die Schlagzeile hätte lauten können: „Verkannte Gefahr für Senioren – wer jetzt zu wenig trinkt, riskiert sein Leben“.

PS: So, und nun ist Schluss mit dem Schreiben hier, jetzt rufe ich schnell meine betagten Eltern an und erinnere sie daran, dass sie viel trinken mögen. Sie mögen nun sagen, das ist belehrend. Aber lieber einmal belehrend sein als sich danach ewig vorwerfen, dass man es nicht war.

PPS: Frei nach Oskar Lafontaine und dem Spruch, dass auch ein blindes Huhn einmal ein Korn findet, würde ich heute sagen: Auch eine Heulboje warnt mal zurecht.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Shutterstock
Text: br

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Von Veritatis

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