Warum schützen Regierungen alte Menschen kaum vor der tödlichsten Folge des Klimawandels? Ideen, wie Städte abgekühlt werden können, gibt es genug. Nach derzeitiger Rechtslage sind Klimaklagen oft aussichtslos. Diesmal ist es anders

Oma hat genug geschwitzt: Seniorinnen klagen in Straßburg

Noch in diesem Sommer wird der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) über die Frage verhandeln, die im Moment alle umtreibt: Müssen Regierungen nicht mehr tun, um die Bevölkerung besser vor extremer Hitzebelastung zu schützen? Geklagt haben 2.000 Schweizerinnen, alle im Pensionsalter. Unter dem Namen „Klimaseniorinnen“ schlossen sie sich 2016 zusammen. Weil das Schweizer Bundesgericht ihre Forderung nach „verstärkten Klimazielen und wirkungsvolleren Maßnahmen zum Schutz unseres Rechts auf Leben und Gesundheit“ ablehnte, zogen die Frauen, unterstützt von Greenpeace, nach Straßburg. Der dort ansässige EGMR nahm Ende April ihre Klage an und räumte ihr sogar Priorität ein.

Nach derzeitiger Rechtslage sind Klimaklagen aussichtslos, wenn mit der „Betroffenheit aller“ argumentiert wird. Klagende müssen nachweisen, dass sie einem „besonderen Risiko“ ausgesetzt sind. Doch genau das ist bei den Klimaseniorinnen der Fall: Sie sind im Durchschnitt 73 Jahre alt und gehören damit zu den vulnerabelsten Gruppen der Gesellschaft. Tagelange Extremtemperaturen bedeuten für sie Lebensgefahr. Das belegen Studien unter anderem der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Sollten die Schweizerinnen sich durchsetzen, hätte das weitreichende Konsequenzen – auch über die EU hinaus. Der Gerichtshof ist eine Institution des Europarats mit 46 Mitgliedstaaten, darunter die Schweiz, Großbritannien und die Türkei. Auch Deutschland müsste sich bewegen und dem Hitzeschutz Priorität einräumen, was Fachleute aus Klimawissenschaft und Gesundheitswesen seit Langem fordern.

Viel mehr Hitzetote als Verkehrstote

In den wenigsten Kommunen gibt es Hitzeschutzpläne, obwohl seit fünf Jahren ein Leitfaden des Bundesumweltministeriums und der Länder vorliegt. Doch selbst wenn es Aktionspläne gäbe, wäre wenig geholfen, denn es gibt auch kein Register der besonders Gefährdeten: also jener Menschen, die man aktiv aufsuchen müsste, um ihnen beizustehen. „Hitzetote“, so sagt es der Klimaforscher Hartmut Graßl, „zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft.“ Und so liegt seit Jahren die Zahl der Hitzetoten in Deutschland um ein Vielfaches höher als die der Verkehrstoten.

Hitze ist mit großem Abstand die tödlichste Folge des Klimawandels. „Betroffen sind neben Älteren auch Pflegebedürftige, Vorerkrankte, Ungeborene, Säuglinge und Kleinkinder sowie Menschen, die im Freien stark körperlich arbeiten oder keine Wohnung haben“, sagt die Gesundheitsexpertin Dea Niebuhr von der Hochschule Fulda.

Besonders kritisch ist es für Menschen, die in den Innenstädten leben. Dichte Bebauung, Bodenversiegelung und die Abwärme von Automotoren heizen die Städte auf und verhindern nächtliche Abkühlung. Konzepte, wie dieser „Hitzeinseleffekt“ abgemildert werden kann, liegen längst vor: Frischluftschneisen, die man von Bebauung freihält, mehr Bäume, mehr Grünflächen, Erhalt von Stadtwäldern oder auch Dach- und Fassadenbegrünungen.

Der Ampel einheizen

All diese Maßnahmen sind relativ einfach und kosten nicht die Welt. „Meistens dienen sie gleichzeitig auch dem Klimaschutz, schaffen also letztlich eine Win-win-Situation“, sagt der Meteorologe Stefan Emeis. Ein Hektar Stadtwald beispielsweise kann, neben dem kühlenden Effekt, zehn Tonnen CO₂ pro Jahr binden und bis zu 50 Tonnen Ruß und Staub filtern. Das Problem: Wer mehr Stadtbäume und mehr Grünflächen im urbanen Raum will, um der Hitzebelastung entgegenzuwirken, braucht dafür Platz – der für andere Nutzungen dann nicht mehr zur Verfügung steht.

Nach Lage der Dinge käme am ehesten der Straßenverkehr infrage, der überall viel Platz beansprucht. Reduziert man die Zahl der fahrenden und parkenden Autos, werden große Flächen frei, die man entsiegeln und begrünen kann. Und: Wenn weniger Autos unterwegs sind, sinkt auch der Hitzeeffekt, den ihre Motoren verursachen. Außerdem entstehen weniger Treibhausgase. Derzeit sind in Deutschland 59 Millionen Kraftfahrzeuge registriert.

Die aktuelle Hitzewelle hat dem lange vernachlässigten Thema so viel Aufmerksamkeit beschert wie nie. Ob das über den Sommer hinaus anhält? Wird man sehen. Sonst müssen wir darauf hoffen, dass die Klimaseniorinnen in Straßburg gewinnen. Und auch der Ampel, nun ja, einheizen.

Verena Kern ist Co-Chefredakteurin der Plattform klimareporter°

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Von Veritatis

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