Ob die Subalternen sprechen können, ist eine der paradigmatischen Grundfragen der Postcolonial Studies. Im Kunstbetrieb will man seit einiger Zeit diese Frage emphatisch beantworten: Ja, sie können! Und sie sollen auch und zwar am besten im Herzen der Bestie: in Europa. Dieser Impetus lag auch der Entscheidung zugrunde, die künstlerische Leitung der diesjährigen Documenta dem indonesischen Kollektiv Ruangrupa zu übertragen. Dessen Verständnis von Kunst als einem gemütlichen Zusammensitzen der Subalternen in einer Reisscheune (Lumbung genannt) sollte eine Herausforderung sein. Und natürlich sollten sie ihre Stimmen erheben.

Dagegen spricht erst einmal nichts. Ja, die Subalternen sollen sprechen. Doch was, wenn sie Unsinn sagen? Was, wenn das muckelige Reisscheunenprinzip nicht nur eine Sauna oder ein paar bunte, superauthentische Pappfiguren hervorbringt, sondern eben jenen plumpen – sehr europäischen – Antisemitismus des Werks People’s Justice der ebenfalls indonesischen Gruppe Taring Padi, das den diesjährigen Skandal auslöste und die Documenta in ihre bisher größte Krise stürzte?

Was wie ein Betriebsunfall wirkt, ist allerdings keiner. Nicht nur, weil Studien zeigen, wie virulent Antisemitismus in Indonesien ist. Sondern auch, weil das zugrunde liegende Weltbild – die guten, authentischen, nicht-weißen Unterdrückten gegen die bösen, künstlichen, weißen Unterdrücker – eine manichäische Dichotomie geradezu erzwingt. Die wiederum ist guter Nährboden für Antisemitismus.

Die im Vorfeld der Documenta geäußerte Befürchtung, sie könne angesichts der Nähe vieler Künstler zur BDS-Bewegung zur Plattform für Israelhass werden, wurde von vielen als Vorverurteilung abgetan – auch von der nun endlich entlassenen oder, je nach Lesart, zurückgetretenen Generaldirektorin Sabine Schormann. Dass solcherlei „Israelkritik“ am Ende zwar auch vorkam, aber das viel geringere Problem war, kam diesen Vertretern des Kulturbetriebs daher wie Verrat vor – und verhagelte ihnen möglicherweise ihr Projekt.

Wer nichts sehen will

Schließlich hatte man alles daran gesetzt, sich auf die Verteidigung des Antizionismus vorzubereiten, wie nicht zuletzt Berichte der Süddeutschen Zeitung über Schulungen der Kunstvermittler der Documenta zeigten. Anstatt Antisemitismus zu erkennen, sollten Antisemitismusvorwürfe entkräftigt werden. Dazu passt auch die Ernennung von Emily Dische-Becker zur Beraterin, nachdem die ersten Vorwürfe laut geworden waren. Dische-Becker gehörte zu den Initiatoren der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA), die eine Alternative zur Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) sein will. Der Unterschied zwischen beiden besteht im Wesentlichen im Aus- (JDA) oder Einschließen (IHRA) von israelbezogenem Antisemitismus.

Kein Wunder also, dass den Antisemitismus nicht sieht, wer ihn nicht sehen will. Die Documenta war und ist das Projekt jenes Teils des deutschen Kulturbetriebs, der zwar die Ansätze des Postkolonialismus verinnerlicht, aber keinen Begriff von Antisemitismus hat. Schormanns beharrliche Weigerung, Verantwortung für das Desaster zu übernehmen, beruft sich zwar auf die Kunstfreiheit, ist jedoch vielmehr Ausdruck eines paternalistischen Glaubens an das Gute im unterdrückten Menschen – und einer Blindheit für die Komplexität der Moderne und ihres grässlichsten Kindes, des Antisemitismus.



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Von Veritatis

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