Wie keine anderen Kunstgegenstände aus Afrika stehen die Benin-Bronzen für Museumsbestände aus kolonialen Zusammenhängen. Doch was in deutschen Museen lagert, ist weitaus diverser. Das Iwalewahaus in Bayreuth verfügt über Zeichnungen mit sehr unterschiedlichen Motiven, die Anfang der 1950er Patienten einer psychiatrischen Einrichtung in der damals britischen Kolonie Nigeria anfertigten. Diese Kunstwerke sind inzwischen Teil der deutschen „3 Wege-Strategie“, die koloniale Sammlungsgüter sichtbar und digital verfügbar machen will. Ulf Vierke ist der Leiter des Iwalewahauses.

der Freitag: Herr Vierke, Sie leiten das Iwalewahaus in Bayreuth, das dem Institut für Afrikastudien und dem Exzellenzcluster der dortigen Universität angeh

Wie keine anderen Kunstgegenstände aus Afrika stehen die Benin-Bronzen für Museumsbestände aus kolonialen Zusammenhängen. Doch was in deutschen Museen lagert, ist weitaus diverser. Das Iwalewahaus in Bayreuth verfügt über Zeichnungen mit sehr unterschiedlichen Motiven, die Anfang der 1950er Patienten einer psychiatrischen Einrichtung in der damals britischen Kolonie Nigeria anfertigten. Diese Kunstwerke sind inzwischen Teil der deutschen „3 Wege-Strategie“, die koloniale Sammlungsgüter sichtbar und digital verfügbar machen will. Ulf Vierke ist der Leiter des Iwalewahauses.

der Freitag: Herr Vierke, Sie leiten das Iwalewahaus in Bayreuth, das dem Institut für Afrikastudien und dem Exzellenzcluster der dortigen Universität angehört. Was genau geschieht am Iwalewahaus?

Ulf Vierke: Das Iwalewahaus gibt es seit 1981. Gegründet und stark geprägt hat es Ulli Beier. Er ist ein typisches Beispiel für eine intellektuelle bürgerliche Elite, die aufgrund ihres Jüdischseins Deutschland in den 1930ern verlassen musste. Er lebte lange in Palästina, ging später nach Nigeria und Papua-Neuguinea. Ein echter Kunstpatron, 2011 ist er gestorben. Heute steht im Zentrum des Iwalewahauses eine Sammlung mit Werken insbesondere moderner Kunst aus Afrika, für die Ulli Beier den Grundstock gelegt hat. Wir binden die Sammlung in zeitgenössische Diskurse ein.

Anfang dieses Jahres hat das Iwalewahaus Zeichnungen ausgestellt, die zu Beginn der 1950er Jahre von Patienten einer psychiatrischen Einrichtung in Nigeria angefertigt wurden. Weshalb war es für Sie interessant, diese Sammlung jetzt auszustellen?

Weil es eine Auseinandersetzung mit den Ursprüngen des Iwalewahauses ist. Denn man kann sich schon fragen, weshalb sich eine der führenden Sammlungen moderner afrikanischer Kunst im globalen Norden, in der bayerischen Provinz befindet. Die Zeichnungen sind da aufschlussreich, denn sie beruhen auf dem ersten größeren Projekt, das Ulli Beier in Nigeria umgesetzt hat. Uns hilft diese Auseinandersetzung dabei, zu verstehen, wie dieses Haus entstanden ist und sich entwickelt hat. Aber es ist nicht nur eine Nabelschau. Weil diese Kunstwerke in Deutschland zu Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten gehören, adressieren sie ganz aktuelle Debatten.

Unter welchen Umständen sind die Zeichnungen entstanden?

Unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Sarah Böllinger arbeitet gerade genau das in ihrer Promotionsforschung auf. Sie hat da einiges bei uns gepusht. Denn wir wissen noch recht wenig, die Quellenlage ist relativ dürftig. Was wir wissen: Das Lantoro Mental Hospital ist nach dem Zweiten Weltkrieg als Heilstätte für traumatisierte Kriegsheimkehrer entstanden. Denn viele nigerianische Soldaten haben in Burma, dem heutigen Myanmar, gekämpft.

Warum war es für Ulli Beier interessant, genau dort hinzugehen?

Es gibt verschiedene Punkte in seiner Biografie, die dort zusammenkommen. Ursprünglich kommt Beier nach Nigeria, um dort Englisch zu unterrichten, findet das aber relativ sinnentleert. Er trifft dann auf eine gerade im Aufbruch befindliche nigerianische Kunstmoderne, also auf Leute wie den späteren Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, den Schriftsteller Chinua Achebe oder den Dramatiker Duro Ladipo. Er war dort mit seiner ersten Ehefrau, der österreichischen Künstlerin Susanne Wenger. Beide sind sich in Paris begegnet, wo in den 1950er Jahren die Art brut prägend in der Kunstszene war. Damals gab es die Idee, dass neurodiverse Menschen Kunst schaffen können, die unverbaut ist von einer akademischen Bildung. Im Hospital hat er dann mit Susanne Wenger die Idee entwickelt, dass die Patienten Kunst produzieren können. Er hat Papier und Farben mitgebracht und die Patienten zum Malen angeregt.

Über wie viele Objekte sprechen wir denn?

Es sind mehr als 600 Zeichnungen mit Darstellungen von Menschen, Tieren, Figuren aus der Literatur –oder sie beziehen sich auf Zeitungscomics, sind also sehr verschieden. Beier ist regelmäßig in das Hospital gegangen und hat mit den Patienten gearbeitet.

Ulf Vierke leitet seit 2010 das Iwalewahaus in Bayreuth und ist seit Anfang der 1990er Jahre mit dem Haus für moderne und zeitgenössische außereuropäische Kunst verbunden. Als Jurastudent war er studentische Hilfskraft bei Ulli Beier. Er ist Experte unter anderem für Ostafrika

Wie kamen diese Zeichnungen in die Sammlung des Iwalewahauses?

Ulli Beier hat seine private Sammlung und eben auch die Arbeiten der Künstler aus dem Hospital mit nach Europa gebracht und dort in den 1980er Jahren unter dem Titel Glücklose Köpfe ausgestellt. Meines Erachtens ist diese Ausstellung ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit nichteuropäischen künstlerischen Modernen. Es gibt aber keine Unterlagen dazu, dass er die Zeichnungen gekauft hätte.

Wie konnte er sie sich aneignen?

Die Frage müssen wir uns heute stellen. Er hat die Werke erst mal in seinem Besitz gehalten. Ich verwende hier „Besitz“ in Abgrenzung zu „Eigentum“, weil man die Frage stellen muss, ob er tatsächlich Eigentümer geworden ist. Ich gehe davon nicht aus. Im Laufe der Jahrzehnte ist diese Sammlung dann verstreut worden. Wir versuchen das nun zu rekonstruieren. Den größten Teil der Zeichnungen haben wir über seinen Nachlass dem Centre for Black Culture and International Understanding (CBCIU) im nigerianischen Oshogbo übertragen, ein kleinerer Teil ist im Iwalewahaus, und bei einem weiteren Drittel der Zeichnungen wissen wir nicht, wo sie sind.

Können die Arbeiten denn ihren Urhebern zugeordnet werden?

Ja, aber es ist schwierig, zu rekonstruieren, welche Personen hinter den Künstlern stecken, weil die meistens nur mit dem Vornamen benannt sind. Das gelingt bei einigen, aber das heißt nicht, dass diese Personen auch kontaktiert werden können.

Wie bedeutend ist die Tatsache, dass Nigeria britische Kolonie war, als die Zeichnungen entstanden sind?

Die ist sehr relevant. Schon der Kontext des Hospitals ist alles andere als neutral, wenn da dieser weiße, im Dienst des Kolonialsystems stehende Ulli Beier die Patienten auffordert, Zeichnungen anzufertigen. Das System des Umgangs mit neurodiversen Menschen in psychiatrischen Einrichtungen wurde durch den kolonialen Kontext ja noch mal gedoppelt. Gleichzeitig gab es diese kulturelle Aufbruchstimmung, die bald in die Unabhängigkeit Nigerias mündete, und auch da war Ulli Beier mit Verve dabei.

Vor wenigen Wochen haben sich Deutschland und Nigeria geeinigt, dass die Eigentumsrechte an den in Deutschland befindlichen Benin-Bronzen an Nigeria übertragen werden. Nun sind die Zeichnungen nicht wie die Bronzen mit Waffengewalt geraubt worden. Ist Restitution dennoch ein Thema?

Ja, von Anfang an. Die Originale und Kopien der Digitalisate aus Beiers Nachlass sind, wie gesagt, an das CBCIU in Nigeria gegangen. Aber der Teil der Zeichnungen, den wir ausgestellt haben, ist noch in der Sammlung des Iwalewahauses. Ich finde die Idee, in der Nachfolgeeinrichtung des Lantoro Mental Hospital selbst ein Ausstellungsprojekt zu erarbeiten, sehr reizvoll.

Das Institut für Afrikastudien der Uni Bayreuth, dem das Iwalewahaus angehört, ist Teil der Pilotphase der „3 Wege-Strategie“, die 2020 von der damaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters initiiert wurde. Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten soll erfasst und digital veröffentlicht werden. Wie ist hier der Stand?

Wir arbeiten an der Erarbeitung von Standards und Strukturen der digitalen Zugänglichkeit. Die Zeichnungen in unseren beiden Einrichtungen sind digitalisiert. In der „3 Wege-Strategie“ sind wir in einer Untergruppe der Universitätssammlungen organisiert, da gibt es einen regelmäßigen, sehr guten Austausch. Die Datenbanken der 25 deutschen Einrichtungen sollen nun nach einheitlichen Standards aufgesetzt werden, die dann von einer zentralen Meta-Datenbank erfasst werden können. Aber so weit sind wir noch nicht.

Das Gespräch führte Fabian Lehmann



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Von Veritatis

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