Der Afghanistan-Exit des Westens ist erst ein Jahr her und schon eine verblasste wie verdrängte Erinnerung. Heute mehr denn je. Die meisten westlichen Staaten riskieren wegen des Ukraine-Krieges einen Systemkonflikt des Alles-oder-nichts mit Russland und erheben kompromisslose Konfrontation zum Maß ihres Handelns. In dieser Lage eine eklatante Niederlage zu rekapitulieren, hieße, sich einer toxischen Wahrheit auszusetzen. Moral und Durchhaltewillen wären tangiert, wenn nicht untergraben. Dass die Sowjetunion 1990/91 in den Sog einer zuletzt unaufhaltsamen Selbstdemontage geriet, hatte auch etwas mit dem demütigenden Abgang aus Afghanistan Anfang 1989 zu tun. Die Armee hatte zehn Jahre ausgehalten und war ausgeblutet. Ein Opfer ohne Sieg und Sinn? Der Frage nur ausg

Der Afghanistan-Exit des Westens ist erst ein Jahr her und schon eine verblasste wie verdrängte Erinnerung. Heute mehr denn je. Die meisten westlichen Staaten riskieren wegen des Ukraine-Krieges einen Systemkonflikt des Alles-oder-nichts mit Russland und erheben kompromisslose Konfrontation zum Maß ihres Handelns. In dieser Lage eine eklatante Niederlage zu rekapitulieren, hieße, sich einer toxischen Wahrheit auszusetzen. Moral und Durchhaltewillen wären tangiert, wenn nicht untergraben. Dass die Sowjetunion 1990/91 in den Sog einer zuletzt unaufhaltsamen Selbstdemontage geriet, hatte auch etwas mit dem demütigenden Abgang aus Afghanistan Anfang 1989 zu tun. Die Armee hatte zehn Jahre ausgehalten und war ausgeblutet. Ein Opfer ohne Sieg und Sinn? Der Frage nur ausgesetzt zu sein, ohne sie wirklich beantworten zu können, kostete eine Weltmacht inneren Halt und Legitimation.

Daher ist kaum anzunehmen, dass der gerade vom Bundestag eingesetzte Untersuchungsausschuss wie die kurz zuvor bestellte Enquetekommission offenlegen, weshalb die westliche Strategie am Hindukusch desaströs, weil gründlich gescheitert ist. Immerhin misslang nicht weniger als ein militärisch flankierter Systemtransfer. Eine „Aufarbeitung“ müsste festhalten, was auch ohne zeitraubende Analysen und verdruckste Rhetorik auf der Hand liegt. Durch einen Krieg, der vorrangig aus der Luft und damit gegen die Zivilbevölkerung geführt wird, lassen sich einer Gesellschaft weder Nation Building, Demokratie noch Rechtsstaatlichkeit überhelfen.

Wer wollte das ernsthaft bezweifeln? Nur sind die Afghanistan-Krieger von gestern die Ukraine-Kämpfer von heute. Mit den USA, der NATO, nicht zuletzt Deutschland, handeln die gleichen und gleichermaßen wirkmächtigen Akteure, denen im August 2021 nichts weiter übrig blieb, als Afghanistan fluchtartig zu verlassen. Dabei musste man keinem übermächtigen Feind entkommen, der erbarmungslos zuschlagen wollte. Im Gegenteil, als den Taliban Kabul in den Schoß fiel, rekrutierten sie um die 60.000 Kombattanten. Die NATO brachte es im ersten Jahrzehnt der Besatzung zuweilen auf 200.000 Soldaten, nicht eingerechnet US-Spezialeinheiten, die neben der ISAF-Mission der Operation „Enduring Freedom“ dienten. Dieses Korps umgaben die Nationalarmee ANA und afghanische Polizeikräfte, deren Personalbestand bei 350.000 Mann lag. Ausgebildet von NATO-Beratern und ausgerüstet mit modernen westlichen Waffen, verschwanden diese Formationen von der Bildfläche, als sie tun sollten, wofür sie gedacht waren: Kämpfen, um die Taliban aufzuhalten.

Stießen die Amerikaner einst in Südvietnam mit Ho Chi Minhs Barfuß-Soldaten aus dem Norden auf einen deutlich unterlegenen Gegner, hatten sie es am Hindukusch mit einem hoffnungslos unterlegenen zu tun, der sich dennoch in 20 Jahren Anti-Terror-Krieg nicht bezwingen ließ. Und das, obwohl die Kräfte extrem ungleich verteilt und die eingesetzten militärischen Mittel unverhältnismäßig waren. Wie sonst ist die zurückhaltend geschätzte Zahl von 200.000 zivilen Opfern zu erklären, die nach Luft-, Drohnen- und Raketenangriffen unter den Trümmern ihrer Häuser lagen? Nur ein Tatbestand, um zu erfassen, wie zwischen 2001 und 2021 Menschenrechte missachtet wurden. Unauslöschbar sind die Bilder von Taliban, die in Containern zusammengepfercht wurden und daran erstickt sind, Gefangene der Amerikaner und brutaler Warlords zu sein.

Um sich zu vergewissern, dass Deutschland daran eine Mitverantwortung trägt, wird keine Enquetekommission gebraucht. Dafür reicht der Blick in die Liste der NATO-Befehlshaber in Kabul, zu denen Generäle der Bundeswehr gehörten. Auch dass gut 160.000 deutsche Soldatinnen wie Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden und 59 dort ihr Leben verloren, steht in öffentlich zugänglichen Dossiers. Ebenfalls ein Opfer ohne Sieg und Sinn? Würde dieser Frage durch die deutsche Außenpolitik unvoreingenommen nachgegangen, ließe das auf einen Sinneswandel schließen. Doch gibt es dafür keinerlei Anzeichen.

Im August 2021 ist ein ökonomisch zugrunde gerichtetes Land hinterlassen und in der Zeit danach trotz einer Hungersnot humanitärer Beistand verweigert worden. Deutschland wollte den Eindruck vermeiden, die Taliban durch Hilfe, wie sie der Anstand geboten hätte, politisch anzuerkennen. Die USA brachten es fertig, sieben Milliarden Dollar Guthaben der afghanischen Nationalbank einzufrieren und nicht einmal für Lebensmittel freizugeben. 20 Jahre Krieg haben allein den US-Staat zwei Billionen Dollar gekostet, und dann werden Gelder blockiert, statt Menschen vor Elend zu bewahren? Das besitzt an Perversität wahrlich Seltenheitswert. Weder die Regierung Merkel noch die Regierung Scholz nahmen beziehungsweise nehmen daran Anstoß. Die Überzeugung scheint ungebrochen zu sein, einem anderen Volk existenziell schaden und dies mit eigener zivilisatorischer Exklusivität rechtfertigen zu können, weil der sittliche Unterschied zu den Taliban über jeden Zweifel erhaben ist. So handeln Gefangene ihrer selbst. So täuscht sich, wer nicht begreifen will, wie sehr Selbstüberschätzung des Afghanistan-Fiaskos sicheres Unterpfand war – so wird keine Schuld getilgt.



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Von Veritatis

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