So schlecht steht es schon um Deutschlands Image, dass es nun bereits am Check-in-Schalter verteidigt werden muss: „Die aktuelle Lage an unseren Flughäfen ist indiskutabel. Sie ist peinlich und sie schadet dem Ansehen Deutschlands in der Welt“, so kommentierte der CSU-Fraktionsvize Ulrich Lange die chaotische Situation dieser Tage. Aufgrund eines hohen Krankenstandes und dauerhaft fehlenden Personals sehen sich viele Zug- und Flugreisende in dieser Feriensaison mit teils anarchischen Zuständen konfrontiert: kilometerlange Schlangen an den Schaltern, Verspätungen, Ausfälle, verlorenes Reisegepäck. Statt am Strand oder in der Metropole landen etliche zunächst in Aufenthaltsbereichen und Hotline-Warteschlangen.

Damit die Deutschen weiter ungestört

So schlecht steht es schon um Deutschlands Image, dass es nun bereits am Check-in-Schalter verteidigt werden muss: „Die aktuelle Lage an unseren Flughäfen ist indiskutabel. Sie ist peinlich und sie schadet dem Ansehen Deutschlands in der Welt“, so kommentierte der CSU-Fraktionsvize Ulrich Lange die chaotische Situation dieser Tage. Aufgrund eines hohen Krankenstandes und dauerhaft fehlenden Personals sehen sich viele Zug- und Flugreisende in dieser Feriensaison mit teils anarchischen Zuständen konfrontiert: kilometerlange Schlangen an den Schaltern, Verspätungen, Ausfälle, verlorenes Reisegepäck. Statt am Strand oder in der Metropole landen etliche zunächst in Aufenthaltsbereichen und Hotline-Warteschlangen.

Damit die Deutschen weiter ungestört reisen können, sollen es nun Nichtdeutsche richten: Das Bundesarbeitsministerium schlug vor, noch im Juli eine vierstellige Zahl von Gastarbeiter*innen anzuwerben, um die Lage zu beruhigen. Die Airlines finden derweil eigene Lösungen, und die fallen durchaus dramatisch aus: Die Lufthansa schickte kürzlich innerhalb knapp einer Woche über 300 sogenannte Geisterflüge los. Diese bringen Crewmitglieder und Gepäck an Orte, wo beides gebraucht wird – ohne Passagiere. Im gleichen Zeitraum wurden knapp 100 weitere Flüge gestrichen. Die einen fliegen leer, die anderen gar nicht.

Entschädigung gibt es selten

Klingt nach Luxusproblem? Was das bedeuten kann, wenn so ein Flug spontan gestrichen wird, musste Anja erfahren: Zwar war sie im Urlaub, kam aber nicht so leicht wieder zurück. Die 28-Jährige studiert in Leipzig und verreiste dieses Jahr mit ihrem Freund nach Griechenland. Zurück in die Heimat Berlin sollte es über Thessaloniki gehen. Eigentlich keine große Sache: Mehrere günstige Airlines fliegen diese gerade einmal anderthalbstündige Strecke jeden Tag. Ihr Rückflug wurde gestrichen. Nach stundenlangem Warten in der Kundenhotline bekam sie einen Ersatzflug angeboten, über Stuttgart. Am Ende waren sie und ihr Freund knapp einen vollen Urlaubstag unterwegs und 150 Euro ärmer als geplant – weil der Mietwagen nicht am geplanten Ort abgegeben werden konnte. Entschädigt werden Reisende in solchen Fällen nur selten. Besonders Billig-Airlines wie Easyjet oder Ryanair lehnen über 90 Prozent der entsprechenden Forderungen ihrer Kund*innen ab.

Stress, Mehrkosten, verschwendete Zeit, kein Geld zurück: Solche Szenarien dürften viele Reisende erlebt haben. Dabei ist der Durst nach Erholung dieses Jahr besonders groß, denn, so teilt es die Pressesprecherin des Deutschen Reiseverbandes, Kerstin Heinen, mit: „Der Urlaub steht in diesem Jahr nach langem Verzicht wieder ganz oben auf der Wunschliste der Deutschen – selbst steigende Energiekosten und zunehmende Inflation tun diesem Wunsch keinen Abbruch. Stattdessen zeigt sich, dass – bei einem stabilen Preisniveau bei Pauschalreisen – in diesem Jahr sogar mehr für den Urlaub ausgegeben wird.“

Recht unbeeinflusst von den neuerlichen Teuerungen sei das Reisejahr 2022 vor allem, weil viele Flugreisen und Hotelübernachtungen oft schon lange vor der jüngst galoppierenden Inflation gebucht wurden. Nächstes Jahr könnte das bereits anders aussehen. Zudem: Viele Reisedienstleistungen sind schon lange vor Krieg und Pandemie erheblich teurer geworden, wie Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Im Vergleich zum Referenzjahr 2015 stiegen die Preise für die Personenbeförderung im Luftverkehr um 24 Prozent, Gaststätten-Dienstleistungen und Übernachtungen kosten 20 Prozent mehr – und wer dieses Jahr ein Auto mieten wollte, bezahlte dafür im Schnitt sogar 60 Prozent mehr als noch vor sieben Jahren. Alle diese Anstiege liegen jeweils deutlich über dem Niveau der allgemeinen, inflationär bedingten Teuerung.

Enden wird diese Entwicklung in naher Zukunft wohl nicht. „Perspektivisch wird die durch steigende Energiekosten getriebene Inflation auch bei Reisen nicht Halt machen“, so Heine. Um die Kosten auch für den nächsten Urlaub gering zu halten, empfiehlt sie Frühbuchungen und Pauschalreisen: „Damit lassen sich gerne einmal 30, 40 oder sogar 50 Prozent vom regulären Reisepreis sparen.“

Die Deutschen machen gern Urlaub und lassen ihn sich etwas kosten. 2021 gab jeder Deutsche im Durchschnitt 1.098 Euro für die Haupturlaubsreise im Jahr aus, so ermittelte es eine Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen. Bis zum Beginn der Pandemie im Jahr 2020 stieg dieser Betrag von Jahr zu Jahr, sehr zur Freude der Reiseanbieter. Dabei dürften diese Zahlen – wie die vorangegangenen Daten zeigen – nicht primär etwas mit einer gestiegenen Bereitschaft zum Geldausgeben zu tun haben.

In diesem Jahr aber lassen sich die Deutschen ihre Erholung nach wie vor gern etwas kosten. „Ich glaube, viele werden im Hinblick auf den Urlaub erst dann reagieren, wenn sie ihre Betriebskostenabrechnung in den Händen halten“, sagt Dirk Dunkelberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). Der DTV versteht sich als Organ für den inländischen Tourismus. Dunkelberg glaubt dennoch, dass die Deutschen ungern am Urlaub sparen würden, selbst wenn sich die wirtschaftliche Situation vieler Haushalte weiter verschlechtern sollte: „In den Urlaub zu fahren ist nach wie vor ein hohes Gut eines jeden Bundesbürgers. Urlaubsreisen genießen bei den Konsumprioritäten einen sehr hohen Stellenwert.“

Dabei ist Urlaub für viele Deutsche ein Luxus, von dem sie nur träumen können. Laut einer Studie des Europäischen Gewerkschaftsbundes können sich schon jetzt knapp vier Millionen Menschen hierzulande keinen einwöchigen Urlaub leisten. Das betrifft, wenig überraschend, vor allem Menschen mit geringen Einkommen. Von den armutsgefährdeten Bürger*innen hat nur knapp jede*r Zweite die Mittel für einen Urlaub.

Im europäischen Vergleich steht die Bundesrepublik da aber noch gut da. EU-weit haben laut derselben Studie 28 Prozent der Menschen ab 16 Jahren nicht genug Geld für eine Woche Urlaub.

Insbesondere Reisen zu den bei den Deutschen beliebten Reisezielen wie Griechenland, Spanien, den Balearischen oder Kanarischen Inseln, in die Türkei oder nach Italien sind deutlich teurer geworden. Wer aktuell etwa spontan von Berlin nach Teneriffa will, muss mit etwa 500 Euro pro Strecke rechnen. Ein Flug in die portugiesische Hauptstadt Lissabon kostet ähnlich viel.

Aber müssen wir uns nicht ohnehin so langsam vom Fernflug verabschieden, im Sinne des Klimaschutzes? Fliegen sei lange viel zu günstig gewesen, meinte jüngst der Chef von Ryanair, Michael O’Leary, in der Financial Times – eine bemerkenswerte Aussage von einem Pionier der Billigluftfahrt. Umweltabgaben und steigende Energiepreise zwingen selbst preiswerte Airlines zu Preiserhöhungen. Zwar werden für die nächsten fünf, sechs Jahre Flugtickets noch erschwinglich bleiben, meinte im April Condor-Chef Ralf Teckentrup gegenüber der FAZ, dann aber „wird es nach heutiger Einschätzung sehr viel teurer“, so der Manager. Klimaneutrale Kraftstoffe, E-Fuels wie etwa synthetisches Kerosin, gelten als Lichtblick für die Luftfahrt, aber ob sich damit das gegenwärtige Flugaufkommen halten lässt, ist bislang äußerst fraglich. Eher zeigt alles in die Richtung: Fliegen wird man sich in Zukunft leisten können müssen.

Tübingen, das neue Teneriffa?

Bleibt ja noch die weitgehend klimafreundliche Bahn: Zwar stiegen die Preise im Nahverkehr seit 2015 um 19 Prozent – das 9-Euro-Ticket wurde hier noch nicht beachtet –, insgesamt ist der Schienenverkehr laut Statistischem Bundesamt aber sogar leicht günstiger geworden, auch dank politischer Fördermaßnahmen. Zuletzt erhöhte die Deutsche Bahn, zum Fahrplanwechsel im Winter 2021, die Preise um 1,9 Prozent – deutlich unter dem Niveau des Inflationsanstiegs. Im Hinblick auf stark steigende Treibstoffpreise könnte Urlaub per Schiene also deutlich attraktiver werden. Damit gerät auch der Urlaub im eigenen Land mehr in den Fokus.

„Wir haben bereits vor Corona festgestellt, dass die Deutschen sehr gern zunehmend im eigenen Land verreisen. Bis zum Jahr 2019 verzeichneten wir hier zehn Übernachtungsrekorde hintereinander“, sagt Dirk Dunkelberg vom DTV. Die Pandemie hat auch bei inländischen Reisen für Rückgänge gesorgt, die Branche konnte sich aber bereits jetzt wieder rasant erholen: „Wir liegen inländisch sogar ein halbes Prozent über den Übernachtungszahlen vom Mai 2019.“ Besonders beliebt, auch in den Pandemiejahren, seien vor allem Ferienwohnungen, Campingplätze und Urlaube auf dem Hausboot gewesen.

Ist Tübingen also das neue Teneriffa? Etwa die Hälfte aller Urlaubsreisen der Deutschen fanden im Jahr 2021 in Deutschland statt, das sind so viele wie zuletzt in den 1970er Jahren – so geht es aus einer repräsentativen Befragung der Stiftung für Zukunftsfragen hervor. Das beliebteste Reiseziel der Deutschen, noch vor Mallorca oder Sizilien, sind seit Jahren ohnehin die Nord- und Ostseeregion im eigenen Land. Im Jahr 2021 verbrachten knapp sieben Prozent der Deutschen ihren Haupturlaub an der heimischen Küste.

Nun will auch die Politik beim Thema Urlaub eingreifen. Vergangene Woche hat das Kabinett ein neues Eckpunktepapier für die bereits 2021 entworfene „Nationale Tourismusstrategie“ beschlossen. Mit einem „doppelten Neustart“ soll die Branche sowohl durch die Pandemie gerettet als auch klimaneutral umgebaut werden. Viel Konkretes findet sich darin allerdings bislang nicht.

Dirk Dunkelberg vom DTV ist dennoch optimistisch: „Dass gegenüber der alten Bundesregierung die jetzige Ampelkoalition die Notwendigkeit einer solchen Tourismusstrategie anerkennt, das ist für uns ein riesiger Schritt“, meint er. „Hier werden wir als Branchenverbände gern mit dazu beitragen, diese Eckpunkte mit Inhalten zu füllen, damit der Name ‚Strategie‘ auch verdient ist.“

Ob ein Eckpunktepapier verhindern kann, dass der Sommerurlaub für viele Deutsche in den kommenden Jahren unerschwinglich wird, bleibt fraglich. Mehr und mehr scheinen sich aber ohnehin bereits in eine ganz andere Richtung zu orientieren. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom können sich 21 Prozent der Deutschen vorstellen, bereits in acht Jahren einen Urlaub mit Virtual-Reality-Brille im Metaverse zu verbringen. Also: Im Sommer an die heimischen Küsten, im Winter auf die Couch? Immerhin: Eine virtuelle Reise kann kein gecancelter Flug sabotieren. Höchstens ein Stromausfall.



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Von Veritatis

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