Mit zwei orchesterbegleiteten Konzerten beginnt die Ostrock-Legende ihre “letzte Runde” für die Fans der Region – mit viel Gespür für Atmosphäre.

Chemnitz.

Dass “Kult” ein sehr dehnbarer und damit auch beliebiger Begriff ist, wird ja schon daran deutlich, dass man ihn auf die Band City anwendet. Bei rund 80 Euro Eintritt verkauften die Ostrocker am Dienstag und Mittwoch die Stadthalle in Chemnitz aus, um vor einem durchaus sehr begeisterten Publikum ihre “letzte Runde” zu zelebrieren. Sprich, um sich nach 50 Jahren von der Bühne zu verabschieden.

Nun ist man bei einer derart legendären Band zum Abschied natürlich milde gestimmt – geschenkt, dass der 72-jährige Frontmann Toni Krahl mitunter einen Teleprompter bemüht und die höchstens wohnzimmerlauten E-Gitarren von Fritz Puppel (77) oft unter der Wahrnehmungsschwelle der allermeisten Anwesenden agierten. Hier geht es vor allem um eine Projektionsfläche für ostalgische Zuhörergefühle, auf deren Klaviatur die Berliner seit nunmehr über 30 Jahre enorm geschickt spielen: City ist so etwas wie die Mutter der Ostrock-Bewegung nach der Wende und hat als eine der ersten Bands aus dem ehemaligen Land hinter der Mauer damit angefangen, die Seelen der “gelernten DDR-Bürger” so gezielt wie gekonnt zu streicheln – und dabei deren angelerntes Hören zwischen den Zeilen genutzt. Was wohl auch daran liegt, dass die Gruppe schon immer geschickt im Aufkochen einiger weniger Hits war, wie Krahl auch sehr freimütig in seiner 2016 erschienenen Autobiografie “Rocklegenden” schreibt: Der Ruhm der Band basiert vor allem auf ihrem Hit “Am Fenster” von 1978 und dem zeitdokumentarischen Meta-Album “Casablanca” von 1987. Viel Respekt gab es dann noch 1983 für den bemerkenswert gelungenen Relaunch im NDW-Silly-Flair mit “Unter der Haut”. Aus diesen Blüten haben die Berliner nach der Wende immer wieder Nektar gesagt, sei es 2002 mit “Am Fenster 2” oder 2017 mit “Das Blut So Laut”. Dabei räumte City en passant auch immer wieder das gängige Vorurteil mit ab, Ostbands hätten, Einstufungen sei dank, handwerklich mehr drauf als ihre Westkollegen. Anders gesagt: Silly, Pankow, Rockhaus oder Die Zöllner waren diesbezüglich schon immer in einer anderen Liga unterwegs.

Insofern ist es eine dankenswerte Idee, den eigenen Hit-Sound mit den Orchesterklängen der Berliner Sinfoniker aufzupolstern, was Stücken wie “Glastraum”, “Flieg ich durch die Welt” oder “Z. B. Susann” auch zu wunderbar speziellen, heftig beklatschten Gänsehautmomenten im Breitwand-Format machte. Aber warum wurde nicht öfter angewendet? Zumal Keyboarder Manfred Hennig bei manchen Stücken, die die City-Musiker allein spielten, zusätzlich Streichersounds aus seinem Macbook einflog. Dazu spielte dann als Gast Inchtabokatables-Cellist Tobias “B. Deutung” Unterberg teils allein, während das Orchester pausierte – so viel mehr wäre da gegangen! Und wenn das Orchester dann spielte, wirkte es oft, als müsse es sich, vor allem bei den Bläsern, arg zurücknehmen, um nicht die Band von der Bühne zu fegen, die selbst aber ja wiederum eher hinter das Orchester zu treten schien. Auch schade: Silly-Superklampfer Uwe Hassbecker, der als Gast neben “Am Fenster” den frenetischsten Applaus des Abends bekam, wurde zwangsläufig auf die Lautstärke von Fritz Puppel runtergepegelt – und war daher de facto auch nicht zu hören.

Aber am Ende war es wohl gerade das resultierende, eher “unrockig” jugendweiheliche Kulturhaus-Flair, das den Wert der Abschieds-Darbietung steigerte: So also würde das Früher heute klingen. Es war die Präsenz der Legende, die letztlich zählte, immerhin stand hier ein Lebenswerk auf den Brettern, und zwar nicht nur das von City, sondern einer Generation. Und: Toni Krahl! Der Sänger ist, anders kann man es nicht sagen, eine sagenhaft coole Socke von Frontmann und damit die halbe Miete von City. Mindestens. Seine markante Stimme war sagenhaft in Schuss, und seine Kommunikation mit den Fans dann wieder eine Klasse für sich – ein Entertainer, wie er im Buche steht, der sein Publikum fast besser kennt als das sich selbst. So kommentierte er etwa die Textzeile “Wir haben Diktatoren gestürzt” aus dem aktuellen Song “Wir haben Wind gesät” süffisant mit: “Das muss man heute ja anders sagen, es muss ja ,Diktator*innen’ heißen!” Brüllender Applaus – dem der City-Sänger dann hinterherbemerkte, dass er natürlich Margot Honecker gemeint habe. Später erklärte er dann das Anliegen von “Rock Für den Frieden” für allgemeingültig, um in die Pete-Seeger-Coverversion “Sag mir wo die Blumen sind” (von “Unter der Haut”) überzuleiten. Ja, so mochte die Menge ihren Frieden machen an diesem Abend, mit ihren Helden.

Musikalischer Stützpfeiler der Band war dabei unverkennbar Georgi Gogow, der entweder sehr souveräne Bassläufe aus seiner vogtländischen Warwick-Corvette fließen ließ oder seine unnachahmlichen Geigentricks vorführte. Was natürlich in eine achtminütige, im Stehen bejubelte Version von “Am Fenster” als allerletzten Song mündete. “Danke, dass ihr uns dieses Leben ermöglicht habt!” so Krahl im Abspann. Besser hätte man die Balance zwischen Pathos und Augenzwinkern nicht hinbekommen können!

Weitere Konzerte

City spielt zur “Letzten Runde” unter anderem noch am 28. August auf der Waldbühne Schwarzenberg, am 23. September in der Jungen Garde Dresden, am 28. Oktober im Tivoli Freiberg und am 11. September in der Arena Leipzig. Die allerletzten Konzerte sind am 29. und 30. Dezember in der Mercedes-Benz-Arena Berlin. Karten gibt es in allen “Freie Presse”-Shops.



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Von Veritatis

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