Zuzanna* sieht müde aus, ihr Gesicht ist zerknittert von der Nacht. Sie sitzt auf der Terrasse vor der Küche. Gegen das Novemberwetter trägt sie eine beige Steppjacke. In der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen eine Tasse mit polnischem Kaffee. Es ist einer von wenigen Momenten, die sie für sich hat, wenn sie in Deutschland ist. Den Großteil ihrer Zeit muss sie nach Walther* sehen. Ihn wecken, duschen, anziehen. Mit Walther frühstücken, spazieren gehen, für ihn Essen kochen. Für mehrere Wochen dreht sich in ihrem Leben die meiste Zeit alles um ihn.

Zuzanna ist 64 Jahre alt. Seit 14 Jahren arbeitet sie in Deutschland als 24-Stunden-Betreuerin für alte und kranke Menschen. Das bedeutet: Arbeit rund um die Uhr. Für zwei

Zuzanna* sieht müde aus, ihr Gesicht ist zerknittert von der Nacht. Sie sitzt auf der Terrasse vor der Küche. Gegen das Novemberwetter trägt sie eine beige Steppjacke. In der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen eine Tasse mit polnischem Kaffee. Es ist einer von wenigen Momenten, die sie für sich hat, wenn sie in Deutschland ist. Den Großteil ihrer Zeit muss sie nach Walther* sehen. Ihn wecken, duschen, anziehen. Mit Walther frühstücken, spazieren gehen, für ihn Essen kochen. Für mehrere Wochen dreht sich in ihrem Leben die meiste Zeit alles um ihn.

Zuzanna ist 64 Jahre alt. Seit 14 Jahren arbeitet sie in Deutschland als 24-Stunden-Betreuerin für alte und kranke Menschen. Das bedeutet: Arbeit rund um die Uhr. Für zwei bis vier Monate zieht sie bei ihren Patient*innen zu Hause ein und ist ihre helfende Hand bei allem, was anfällt.

„Ich weiß nicht, was ich soll!“, ruft Walther und steht lachend im Flur. „Zähne putzen“, antwortet Zuzanna. Sie hat den Plan, wenn der 90-jährige Demenzpatient vergisst, was gerade ansteht. Während er sein Gebiss schrubbt, bereitet sie das Frühstück für ihn vor: Zwei Marmeladenbrote, Kaffee und Tabletten. Weit kommt sie nicht, bevor Walther sie im Bad braucht: Er hat den Stöpsel des Waschbeckens versehentlich zugedrückt. Mit einem Handgriff öffnet sie den Abfluss und eilt zurück in die Küche. Sie muss noch den Kaffee einschenken, damit er auf Trinktemperatur abkühlt.

Eigentlich pflegt Zuzanna auch Walthers Frau Marita*, die ebenfalls an Demenz erkrankt ist. Doch die ist seit ein paar Tagen im Krankenhaus. Ob sie wiederkommt, weiß Zuzanna nicht. Mit Walther alleine sei es ruhiger, sagt sie. Als Marita noch da war, konnte sie sie kaum eine Minute aus den Augen lassen.

Das Haus von Walther und Marita steht in einer kleinen Gemeinde im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein. Im Erdgeschoss wohnt und schläft Walther, im ersten Stock hat Zuzanna ihr Zimmer. Bad und Toilette teilen sie sich. Auf die Frage, ob ihr das unangenehm sei, verzieht Zuzanna das Gesicht. Ein eigenes Bad wäre ihr schon lieber. Die Einrichtung in ihrem Zimmer hat sie für die Wochen, die sie da ist, nicht verändert. Schon in wenigen Tagen wird eine neue Pflegekraft kommen, die sie ablöst. Persönliches von ihr gibt es wenig. Fotos von ihrer Familie hat sie nur auf dem Handy. Eine Schale Quitten steht auf dem Schrank. Die riechen so gut, sagt Zuzanna.

Ganz anders sieht es in ihrem Zuhause in den polnischen Masuren aus: Eine große Hängepflanze schmückt die Küchendecke, der Geruch von Duftkerzen vermischt sich mit dem Zigarettenrauch in der Luft. Gesellschaft hat sie ständig, vor allem ihre Kinder besuchen sie regelmäßig. Zehn sind es insgesamt, alle von ihnen mittlerweile erwachsen, viele sind selbst schon Eltern. Auch Zuzannas 89-jährige Mutter wohnt ganz in der Nähe. In der kleinen Gemeinde in Norddeutschland hingegen kennt sie kaum jemanden. Wenn sie und Walther ihren täglichen Spaziergang vor dem Haus machen, nickt man ihr zu, sagt „Hallo“. Doch Besuch bekommt nur Walther. Dann kümmert sich Zuzanna um Kaffee und Kuchen.

Im Branchenreport 2021 heißt es, dass 94 Prozent der 24-Stunden-Pflegekräfte in Deutschland aus dem polnischen Nachbarland kommen. Zuzanna ist eine von ihnen. Manche arbeiten schwarz, andere kommen als Selbstständige. Viele sind wie Zuzanna über Agenturen im europäischen Ausland angestellt, die die Pflegekräfte nach Deutschland entsenden. Es gibt zwei Verträge: Einen Arbeitsvertrag zwischen Pflegekraft und Agentur und einen Vermittlungsvertrag zwischen Agentur und Familie. Meistens ist noch eine deutsche Vermittlungsagentur involviert.

Stundenlohn: zwei Euro

„Das Modell der sogenannten 24-Stunden-Pflege basiert auf systematischem Gesetzesbruch“, meint Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. 24-Stunden-Pflege verstoße gegen den gesetzlichen Mindestlohn und gegen das Arbeitszeitgesetz. Regelungen zur maximalen täglichen Arbeitszeit sowie Ruhezeiten würden nicht eingehalten. Außerdem würden die Betreuer*innen für weniger Stunden bezahlt, als sie tatsächlich arbeiten.

1.700 Euro netto verdient Zuzanna monatlich. Das ist zwar zu wenig, aber sie beschwert sich nicht. Nicht über die Arbeit, nicht über die Bedingungen, nicht über das Geld. In Polen müsste sie dafür sehr viel mehr arbeiten, sagt sie. Auf dem Papier haben Pflegekräfte wie Zuzanna einen Acht-Stunden-Tag. Inoffiziell arbeiten sie rund um die Uhr, im Schnitt für einen Stundenlohn von etwa zwei Euro.

„Ich schwitze“, sagt Zuzanna, während sie den Müll leert. Immer wieder schaut sie auf die Uhr und hakt die Programmpunkte des Tages im Kopf ab. Essenszeiten und Arzttermine geben die grobe Struktur vor. Zwischendurch erledigt Zuzanna Aufgaben im Haushalt und bereitet die Mahlzeiten vor. Wenn es nicht Pudding oder Pommes gibt, stochert Walther mit der Gabel in seinem Essen herum. Im Alter ist er mäkelig geworden, Bissen für Bissen muss Zuzanna ihn zum Essen ermuntern. Die meiste Zeit sitzen sie sich am Tisch gegenüber und schweigen.

Offiziell geht ihr Arbeitstag bis 19 Uhr, dann bringt sie Walther ins Bett. Bereitschaft hat sie die ganze Nacht. Neben ihrem Bett liegt ein Tablet, das mit einer Kamera im Schlafzimmer von Walther verbunden ist. Manchmal irrt Walther nachts durch die Wohnung. Zuzanna muss dann aufstehen und ihn zurück ins Bett bringen. Zwei Tage in der Woche besucht er die Tagespflege. Zuzannas „freie Tage“, wie sie sagt. Dass sie in dieser Zeit die Wohnung putzt, ist für sie selbstverständlich.

Bezahlung und Arbeitsbedingungen von 24-Stunden-Pflegekräften wurden zuletzt häufiger diskutiert. So auch vergangenes Jahr, als die Pflegerin Dovrina D. gegen ihren bulgarischen Arbeitgeber klagte, weil in ihrem Arbeitsvertrag weniger Stunden vorgesehen waren, als sie tatsächlich arbeitete. Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts: Auch in Bereitschaftszeiten bestehe Anspruch auf Mindestlohn. Die Ampel-Koalition möchte sich dieses Themas nun annehmen und „eine rechtssichere Grundlage für die 24-Stunden-Betreuung im familiären Bereich“ gestalten, heißt es im Koalitionsvertrag. Noch wurde mit der Umsetzung nicht begonnen.

Der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege, der nach eigenen Angaben die Interessen von 300.000 Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen vertritt, schlägt ein Modell wie in Österreich vor. Dort sind 24-Stunden-Betreuer*innen selbstständig tätig und so auch sozialversichert. Aber: vor 24-Stunden-Diensten und Ausbeutung sind sie so noch nicht geschützt.

Ein Gespräch über die Arbeitsbedingungen meidet Zuzanna: „Da kannst du nichts machen, wenn dir die Arbeit nicht gefällt, dann musst du was anderes machen.“

Zum ersten Mal war sie im März 2021 bei dem Ehepaar in Norddeutschland. Bevor Zuzanna zu einer neuen Familie kommt, erfährt sie nichts über die Personen vor Ort. Lediglich wann und wo sie arbeiten wird. Walthers Kinder haben Zuzanna anhand eines Steckbriefs ausgewählt. „Die Betreuerin hat ihren Senioren das Alltagsleben erleichtert“, steht dort. „In der Freizeit arbeitet sie gerne im Garten. Sie interessiert sich auch für Floristik“, heißt es weiter. Oben rechts in der Ecke ist ein kleines Porträtfoto von ihr abgebildet: Die kurzen grauen Haare hat sie darauf ordentlich zum Seitenscheitel gekämmt, sie lächelt freundlich.

Die erste Frau, die Zuzanna gepflegt hat, hat sie über vier Jahre bis zu deren Tod begleitet. Sogar über Weihnachten ist sie damals einmal geblieben, weil sie sich wohl gefühlt hat. Eine andere Familie habe sie nach zwei Wochen verlassen, weil die Tochter ihres Patienten sie schikaniert und gedemütigt habe, erzählt sie. Das sei bei Walther und seiner Tochter anders. Da dürfe sie sich an den Schmerztabletten bedienen, wenn ihr der Rücken wehtut. Und wenn Zuzanna im Supermarkt Süßigkeiten als Mitbringsel für ihre Enkelkinder kauft, zahle Walthers Tochter diese auch mal mit. Außerdem bekommt sie hin und wieder einen Bonus.

Dennoch: Wenn Zuzanna in der kleinen norddeutschen Gemeinde arbeitet, vermisst sie ihr Zuhause. Mehrmals pro Woche telefoniert sie mit ihren Kindern. Dann blüht Zuzanna auf, lacht und tauscht sich rege auf polnisch aus. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Familie immer wieder für mehrere Wochen zurückzulassen. Doch die 250 Euro, die sie in Polen an Rente bekommt, reichen nicht aus. Darum arbeitet Zuzanna weiter, pendelt zwischen ihrer Heimatstadt und Deutschland hin und her. Bestimmt noch vier bis fünf Jahre, wenn sie gesund bleibe und es schaffe, sagt sie. Die finanzielle Unabhängigkeit, die sie sich durch die Pflege erarbeitet hat, macht sie stolz: „Ich will meine Kinder nicht um Hilfe bitten, und das wissen sie.“

Die Pflege von Walther und Marita ist für Zuzanna nicht mehr nur ein Job, längst hat sie eine emotionale Bindung aufgebaut. Als sie erfährt, dass Marita nicht nach Hause kommen wird, weint sie. Die alte Dame solle zu Hause sterben, klagt Zuzanna, „ich bleibe ein paar Tage länger, kein Problem“. Doch dazu kommt es nicht. Kurz nachdem Zuzanna nach Polen abgereist ist, verstirbt Marita. In Zuzannas Traurigkeit mischt sich auch die Sorge um ihre Mutter. „Ich möchte später meine Mutter pflegen“, sagt sie immer wieder. Auch für sie wünscht sie sich, dass sie zu Hause sterben kann.

Ihre eigene Mutter ist 89

Schon jetzt hilft Zuzanna der 89-Jährigen, wo sie nur kann, wenn sie in Polen ist. Regelmäßig besucht sie sie im Nachbardorf, bringt ihr Lebensmittel, saugt die Wohnung, putzt das Bad. Wenn sie aus Deutschland wiederkommt, haben sie sich viel zu erzählen. Zuzanna zeigt ihr Fotos von Walthers Familie, die sie von seiner Tochter bekommen hat. Stundenlang sitzen sie in dem Wohnzimmer mit den niedrigen Decken und bunten Vorhängen beisammen, bis ihr Sohn vorbeikommt und sie wieder abholt.

Mit Walthers Familie hat Zuzanna Glück gehabt, findet sie. Darum fährt sie auch im Frühjahr 2022 ein weiteres Mal hin, um Walther zu pflegen. Trotzdem freut sie sich jedes Mal Wochen vor ihrer Abreise aus der norddeutschen Gemeinde auf die Zeit in ihren eigenen vier Wänden. Wenn sie das nächste Mal in Polen ist, wird sie ihr 20. Enkelkind kennenlernen. Ob sie denn glücklich ist? „Glücklich bin ich, wenn ich zu Hause bin“, sagt sie am Telefon und erzählt begeistert von einem Kinderwagen, den sie in dem nordfriesischen Dorf in einem kleinen Schuppen mit gratis Flohmarktsachen gefunden hat. Im Bus-Shuttle kann sie ihn mit all den anderen Souvenirs, die sie ihrer Familie jedes Mal mitbringt, mit nach Polen transportieren.

Lisa Winter und Thea Marie Klinger wurden bei ihren Recherchen von der Katholischen Journalistenschule (ifp) in München gefördert

* Name geändert



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Von Veritatis

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