Nicht immer, wenn jemand in Europa ein Kunstwerk abhängt, wird es im Umfeld so laut wie jetzt bei der Documenta in Kassel. Beim Monumentalgemäde „People’s Justice“ des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi ging es bekanntlich um eindeutig antisemitische Elemente. Entsprechend groß war die Empörung, entsprechend unausweichlich am Ende auch die Entscheidung: Das muss weg.

Doch abgehängt wird in diesen Tagen nicht nur in Kassel, sondern auch in Brüssel oder Berlin, und auch dort geht es um Kunst aus dem globalen Süden. Im Zentralafrika-Museum der belgischen Hauptstadt gibt es eine Maske weniger. König Philippe hat das Werk, das vom Volk der Suku in der heutigen Demokratischen Republik Kongo stammt, im Juni der Regierung in Kinshasa

Nicht immer, wenn jemand in Europa ein Kunstwerk abhängt, wird es im Umfeld so laut wie jetzt bei der Documenta in Kassel. Beim Monumentalgemäde „People’s Justice“ des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi ging es bekanntlich um eindeutig antisemitische Elemente. Entsprechend groß war die Empörung, entsprechend unausweichlich am Ende auch die Entscheidung: Das muss weg.

Doch abgehängt wird in diesen Tagen nicht nur in Kassel, sondern auch in Brüssel oder Berlin, und auch dort geht es um Kunst aus dem globalen Süden. Im Zentralafrika-Museum der belgischen Hauptstadt gibt es eine Maske weniger. König Philippe hat das Werk, das vom Volk der Suku in der heutigen Demokratischen Republik Kongo stammt, im Juni der Regierung in Kinshasa überreicht. In Berlin wurden zwei der berühmten Benin-Bronzen aus deutschen Beständen feierlich einer nigerianischen Delegation übergeben.

Aber was hat nun der Skandal um antisemitische Karikaturen aus Indonesien mit der Rückgabe zu Kolonialzeiten geraubter afrikanischer Kunst zu tun? Eine ganze Menge: Beides gehört zu dem Versuch, in einem um Jahrzehnte verspäteten Nord-Süd-Dialog das Erbe des Kolonialismus produktiv zu bearbeiten, wenn nicht zu überwinden. Und beide Vorgänge sprechen Bände über Möglichkeiten, vor allem aber über die Risiken postkolonialer Aufarbeitungsversuche.

Suharto und das Nigerdelta

Die besagte Suku-Maske und die Benin-Bronzen hängen zwar nicht direkt mit der Debatte über die Documenta zusammen. Ihre Rückgabe an die Staaten, in deren Hoheitsgebiet die Herkunftsregionen liegen, ist ja auch alles andere als ein Skandal. Aber so erfreulich das ist, so weit entfernt ist es doch von einer Überwindung postkolonialer Verhältnisse: Europa mag Kunstwerke abhängen. An die seit der Kolonialzeit herrschenden Abhängigkeiten legt Europa hingegen nicht die Hand – in Kassel wie in Kinshasa.

Während Belgiens König in der Hauptstadt seines Reiches die Verbrechen der Kolonialzeit „bedauerte“, gingen im Osten der Demokratischen Republik Kongo die blutigen Kämpfe zwischen zahlreichen Gruppen weiter. Da geht es nicht zuletzt um die Herrschaft über begehrte Rohstoffe wie das Koltan für unsere Handys. Und in Nigeria, wo die Benin-Bronzen entstanden, hat die Ölförderung das Nigerdelta bereits so gut wie zerstört – und den Reichtum nicht nur einer kleinen einheimischen Elite, sondern auch des automobilen Nordens beziehungsweise seiner Ölkonzerne vermehrt. Keine Rede davon bei den Feierstunden zur Rückgabe geraubter Kunst.

Juni 2022: Noch hängt diese Benin-Skulptur im Linden-Museum in Stuttgart

Foto: Louisa Off/ Reuters

Womit wir wieder in Kassel wären. Die Gruppe Taring Padi wollte mit ihrem Monumentalbild ja offensichtlich genau die Ausbeutungsverhältnisse anprangern, die in den europäischen Debatten über den globalen Süden nach wie vor oft ausgeblendet werden – zumindest jenseits einer Community rund um die „Postcolonial Studies“, die nur selten eine große Öffentlichkeit erreicht.

Diese Verhältnisse sind im Fall Indonesien durchaus vergleichbar mit dem Postkolonialismus in Afrika. Bei Taring Padi geht es vor allem um die Diktatur des Generals Haji Mohamed Suharto, die erst 1998 nach mehr als 30 Jahren endete. Das war ein Regime, mit dem die „westliche Welt“ sehr gerne kooperierte – trotz Suhartos unbestreitbarer Verantwortung für furchtbare Massaker an Oppositionellen. Und wie im Falle der Eliten Kongos und Nigerias war der brutale indonesische Diktator Profiteur und Garant der klassischen postkolonialen Ökonomie. So annektierte Suharto den westlichen Teil der Insel Neuguinea und ließ die dort ansässige Volksgruppe der Papua zum großen Teil gewaltsam umsiedeln, viele der Einheimischen wurden sogar ermordet.

Der Konflikt dauert bis heute an: „Da das Gebiet reich an Rohstoffen wie Gold, Kupfer, Nickel, Erdgas und Tropenholz ist, befeuern die Interessen internationaler Bergbauunternehmen und Holzhändler den Konflikt zusätzlich“, schrieb das Magazin Welt-Sichten im Mai. Eine Delegation der Vereinten Evangelischen Mission habe berichtet, „dass es Tausende Flüchtlinge gebe und Menschen massenhaft und systematisch von dem Land ihrer Vorfahren vertrieben würden – sei es, um dort Rohstoffe zu fördern, sei es, um im großen Stil Wälder für die Palmölproduktion zu roden. Alle, die sich für die Interessen der einheimischen Bevölkerung einsetzten, würden als Rebellen bezeichnet, eingeschüchtert oder sogar getötet.“ Palmöl ist laut Fachleuten heute in jedem zweiten Produkt in unseren Supermärkten enthalten. Das alles gehört zum Hintergrund der Kunst von Taring Padi, und es darf nicht verschwiegen werden, auch wenn es keineswegs die Nutzung antisemitischer Klischees rechtfertigt. Es stellt ein Versagen geradezu tragischen Ausmaßes dar, dass in der Darstellung des größten Verbrechens in der Geschichte Indonesiens die Täter mit den herabwürdigenden Attributen derjenigen dargestellt werden, die im Menschheitsverbrechen der Shoah die Opfer waren. Tragisch deshalb, weil damit eine große Chance, die im Ansatz der 15. Documenta steckte, vertan ist. Oder doch noch nicht?

Es kann gut passieren, dass der Skandal um die antisemitischen Darstellungen das Beste an dieser Documenta auf Dauer verschüttet. Dieses Beste lag in dem Versuch, den Sichtweisen und Aktionsformen des kollektiven Gedächtnisses im globalen Süden eine große Bühne mitten in einer der Reichtumszonen des Nordens zu bieten. Vorerst gescheitert ist das Vorhaben nicht nur daran, dass Taring Padi die Figur des „reichen Juden“ offensichtlich präsentierte, ohne auch nur über einen Hauch von Bewusstsein für deren zynische, antisemitische Bedeutung zu verfügen. Auch die Tatsache, dass die Verantwortlichen die Sprengkraft dieser Darstellungen im Land der Judenvernichter nicht erkannten oder nicht erkennen wollten, erklärt die Tragödie dieser skandalumwitterten Documenta nur zum Teil.

Das womöglich Schlimmste an dem Vorgang besteht darin, dass der Nord-Süd-Austausch über die offensichtlich eklatanten Unterschiede in den kollektiven Erinnerungen, in den Täter- und Opfer-Erzählungen unterschiedlicher Kulturen in Nord und Süd durch die simple Schwarz-Weiß-Logik der Debatte nahezu unmöglich gemacht wird.

Mai 1998: In Indonesien folgt auf Haji Mohamed Suharto Jusuf Habibie

Wollte man diese Debatte führen, würde es sicher dazu gehören, Gruppen wie Taring Padi mit dem Anspruch zu konfrontieren, dass die Erinnerung an Verbrechen wie den Holocaust eine universelle sein muss. Es mag sein, dass den Künstlerinnen und Künstlern die Bedeutung der antisemitischen Karikatur auf dem riesigen Wandbild tatsächlich nicht bewusst war. Aber wenn es so ist, dann wäre das ein Teil des Problems: Niemand, ob im globalen Süden oder Norden, hat das moralische Recht auf Täter-Opfer-Umkehr, auch nicht aus Unwissenheit – egal ob es um die eigene Geschichte geht oder nicht.

Nun ist dieser Hinweis an Taring Padi in der deutschen Öffentlichkeit inzwischen wohl Tausende Male ergangen. Mit Recht, sicher, aber wer glaubt, damit sei es getan, vergisst: Das Bewusstsein für die Traumata „der anderen“ ist keine einseitige Verpflichtung. Sie gilt eben auch für „uns“.

Mohammed als Bombenleger

Genau hier aber endet die hiesige Debatte meist allzu schnell. Nicht nur bei einem Rechtsintellektuellen wie Peter Sloterdijk, der in der Berliner Zeitung eine kaum verhohlene Anleihe bei der „Umvolkungs“-Rhetorik der Rechtsextremen nahm: „Wir beobachten die Mobilisierung einer postkolonialen Intellektualkultur“, sagte er. „Die zeigt, wie Intellektuelle von der Peripherie sich bereit machen, im Zentrum Macht zu übernehmen.“ Es genügt auch schon die ziemlich simple Parole vom „Waterloo für die postkoloniale Bewegung“, das etwa die taz ausrief.

Richtig daran ist – hoffentlich! –, dass eine Form antikolonialen Meinens am Ende ist, die den globalen Süden plump als ideales Gegenbild zur Lebens- und Wirtschaftsweise des Nordens verherrlicht. Fatal aber wäre es, wenn die ebenso simplen Abgesänge auf antikoloniales Denken der Wahrheit entsprächen.

Warum sollte es nicht gelingen, den Documenta-Skandal als Signal zur gegenseitigen Befragung zu nutzen? Da müsste es um die Überwindung von Blindheit gegenüber dem Antisemitismus gehen – aber dann eben auch um die Frage an „den Westen“, ob zum Beispiel Karikaturen, die den Propheten der Muslime als Bombenleger darstellen, ein angemessener Umgang mit der Meinungsfreiheit sind. Nicht Verbote müssten das Ziel sein, auch nicht pauschale Verurteilungen. Sondern gemeinsame Antworten auf die Frage, warum das gemeinsame, „multidirektionale“ Erinnern an unterschiedliche Traumata in globalisierten und von Migration geprägten Gesellschaften nicht möglich sein soll. Heraus käme womöglich auch eine Kunst, die jeder Ausstellung zur Ehre gereicht, ob in Kassel, Kinshasa oder Jakarta.



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Von Veritatis

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