Wer 90 Jahre alt wird wie Jürgen Becker an diesem Sonntag, dem fällt als Schriftsteller die Rolle des Chronisten zu. Ob er will oder nicht. Und was wäre auch falsch daran, ihm die Rolle des Chronisten anzuhängen, wie es gewöhnlich geschieht, wenn sein Name fällt? Was Becker schreibt und was sich in der gerade bei Suhrkamp erschienenen Buchausgabe seiner Gesammelten Gedichte summiert hat zu über 1.000 Seiten, ist in seinen eigenen Worten „die Chronik der Ungewißheit und des Erschreckens, ein imaginärer Text, in dem so viele Stimmen mitgeschrieben haben, fremde und allzu vertraute, ein Ensemble der Widersprüche, Täuschungen und Möglichkeiten …“

Spricht so ein Chronist? Im Falle eines leeren Tisches vor sich sagt er nich

Wer 90 Jahre alt wird wie Jürgen Becker an diesem Sonntag, dem fällt als Schriftsteller die Rolle des Chronisten zu. Ob er will oder nicht. Und was wäre auch falsch daran, ihm die Rolle des Chronisten anzuhängen, wie es gewöhnlich geschieht, wenn sein Name fällt? Was Becker schreibt und was sich in der gerade bei Suhrkamp erschienenen Buchausgabe seiner Gesammelten Gedichte summiert hat zu über 1.000 Seiten, ist in seinen eigenen Worten „die Chronik der Ungewißheit und des Erschreckens, ein imaginärer Text, in dem so viele Stimmen mitgeschrieben haben, fremde und allzu vertraute, ein Ensemble der Widersprüche, Täuschungen und Möglichkeiten …“

Spricht so ein Chronist? Im Falle eines leeren Tisches vor sich sagt er nicht: Schreib weiter, Chronist! Gesagt hat er: „jetzt ist es soweit, jetzt fang noch mal von vorne an“. Anderswo bei Becker heißt es über einen Tisch, dass er „das Produkt einer Geschichte ist, die in einem Netz undurchschaubarer Zusammenhänge aufgeht“. Also ich denke mal, wenn das Wort Chronist fällt, schmunzelt dieser Autor und steckt sich eine Selbstgedrehte an. Falls er mit 90 überhaupt noch raucht, was ich nicht weiß, sondern nur erinnere, wie ich vor Jahren mit ihm vor dem Restaurant eine geraucht habe und gleich zwei und sie ihn drinnen für den Thüringer Literaturpreis gefeiert haben.

Wie sahen die Anfänge aus? 1967 erhielt er den Preis der Gruppe 47 für eine Lesung aus dem Prosatext Ränder. Es war die letzte Tagung der Gruppe 47. Gegen die Teilnahme von Marcel Reich-Ranicki liefen wegen seiner scharfen Kritik wiederholt Anträge. Ausgerechnet MRR lobte Beckers Modernität. Ränder ist nicht Roman, nicht Gedicht, sondern sind spiegelbildlich zueinandergestellt elf Text-Teile, die sich mit von Teil zu Teil abnehmendem Umfang im sechsten Teil kreuzen, weshalb dieser aus leeren Seiten besteht, danach steigen sie bis zum elften im Umfang wieder an und enden mit: „wir sprechen von dem, was langsam verschwindet und an seinen Rändern noch erkennbar bleibt“.

„Ich habe nicht viel Fantasie“

Der Dichter ließ seine halbe Biografie verschwinden – absurd, wäre er wirklich ein Chronist –, die nicht mal an ihren Rändern für ihn noch erkennbar blieb. Natürlich konnte jeder der Vita von Jürgen Becker entnehmen, dass der gebürtige Kölner als Siebenjähriger 1939 nach Erfurt gekommen und dort bis 1947 geblieben war, bis sein Vater nach dem Freitod der Mutter, dem Tod der Stiefmutter und der bedrohlichen Lebenssituation durch das Regime der sowjetischen Besatzer mit ihm zurückging ins Rheinland. Aber in die frühe Literatur von Jürgen Becker waren diese Erfahrungen der zweiten Jugendzeit kaum eingegangen. Lange Zeit scheint der Umgang mit den Erfurter Erfahrungen bei Becker eine literarische Schmerzvermeidungsstrategie zu sein, die ihm sehr wohl bewusst ist. In Ränder schreibt er: „Immer wenn wir über die Wartburg fliegen, wissen wir, dass Eisenach und von dort Gotha und von dort dann Erfurt nicht weit entfernt und von diesen Geschichten noch so gut wie gar nichts erzählt ist.“

Erst nach 1989, der Friedlichen Revolution und der sich am 3. Oktober 1990 anschließenden Stunde der Deutschen Einheit ist plötzlich seine ganze Biografie hinter ihm. Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, hielt er sich in Leipzig auf, am 3. Oktober in Erfurt. Lang ausstehender Lokaltermin. 1999 schrieb er dann – wozu er sich mit seiner Art der Literatur gar nicht berufen fühlte – einen Roman: Aus der Geschichte der Trennungen mit Jörn Winter als Alter Ego. Meist wird ostdeutschen Schriftstellern wie Wolfgang Hilbig, Ingo Schulze, Thomas Brussig, Uwe Tellkamp oder Eugen Ruge allein das Verdienst zugesprochen, sich der Geschichte der deutschen Wiedervereinigung literarisch gestellt zu haben. Jürgen Beckers Roman Aus der Geschichte der Trennungen ist der Wenderoman par excellence eines westdeutschen Schriftstellers, ähnlich Martin Walsers Verteidigung der Kindheit.

Aber auch hier gilt: Trotz der möglichen Zuordnung zur Gattung des Wenderomans passt das Etikett vom Chronisten nicht. Letztlich sind Jürgen Beckers Lyrik und Prosa kein Versuch, einen historisch wiedererkennbaren Raum zu betreten. Dann schon eher einen präzise lokalisierten Raum: zum Beispiel die Mielenforster Straße in Köln. Als Becker in einem Skizzenbuch im Nachlass Namen, Zahlen, Adressen entdeckt, schreibt er in seinen jüngsten Journalgedichten: „auf jeder Seite könnte eine Erzählung beginnen, die über die Mielenforster Straße bis in unsere Tage geht“. Es ist ein Missverständnis, in seinen Gedichten die Zuwendung zu diesem oder jenem Thema, Stoff, Sujet zu entdecken. Seine Poetik gleicht dem Sprechen über ein Material, ist das Sprechen mit einem Material oder – und vielleicht treffender – das Sprechen durch ein Material. Und „Sprechen“ sagt es: Es geht um die eigene Stimme. Als er am Anfang seines Schreibens, in den 60er Jahren, alle ihm möglich erscheinenden Angebote zur Nachahmung durch hatte, auch Rilke, Benn und Eliot waren darunter, blieb nur die eigene Stimme. Was heißt „nur“: darum geht es in der Literatur der Großen wie Jürgen Becker. Auf die eigene Stimme gibt es kein Abonnement, sie muss für jeden Text neu gefunden werden.

1964 erschien sein erster großer experimenteller Text Felder. Darin unternimmt er eine literarische Köln-Vermessung in einer poetisch ungewöhnlichen Form. Er lässt sich ein auf die Geräusch- und Sprachfelder dieser Stadt und gilt mit seinem ersten Buch als Mann einer neuen Avantgarde, was selbst Heinrich Böll in einer Rezension lobend als „hochpoetisch“ anerkannte.

Becker verfasste damals den kleinen Aufsatz Gegen die Erhaltung des literarischen Status quo. Darin verwirft er den Roman als Form der Fiktion. Er erklärt die Fiktion zur literarischen Form der Lüge. Später hat er diese frühe Empörung altersweise abgemildert: „Ich habe nicht viel Phantasie, kann mir nur etwas vorstellen, was ich gesehen habe dort, wo ich lebe oder gelebt oder mich nur aufgehalten habe – mit jedem Ort entsteht ein Erfahrungshintergrund, der auf das Bewusstsein einwirkt und die Erinnerung zum Sprechen bringt.“ Das ist es, was hinter dem für ihn falschen Wort vom Chronisten auftaucht: die Wahrnehmungen, Erfahrungen, von Wahrnehmungen angestoßene und freigesetzte Erinnerungen; es sind dies Orte, die immer wieder Impulse zum Schreiben stiften.

Jürgen Becker scheint ein Mensch mit der Gabe zu sein, dass sein Sensorium ständig aufzeichnet und speichert. Willkürlich wie unwillkürlich muss das neu Gespeicherte etwas berühren, was schon im inneren Archiv bereit liegt, aber nicht als Fernes, sondern – dank der sinnlichen, wunderbar anschaulichen Sprache seiner Imagination – als Gegenwart. Plötzlich werden wir Leser mitgerissen, weil wir spüren: unser inneres Archiv ist seinem angeschlossen und unser Erfahrungsspeicher meldet Zustimmung, Widerspruch, Ergänzung oder Korrektur.

Unerschrockene Modernität

Es ist ein Lohnendes, seine Gesammelten Gedichte auf 1.120 Seiten zu lesen, auf jeden Fall den neuen Band seiner Journalgedichte Die Rückkehr der Gewohnheiten. Zu erleben ist eine unerschrockene Modernität. Unerschrocken, weil sie nie in Bestsellerlisten vordringen wird.

O-Ton Jürgen Becker: „Mir ging es eher darum, etwas zu machen, was im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt, und ich war schließlich froh, dass es mir halbwegs gelungen ist, eine literarische Existenz zu führen, ohne mich um Popularität bewerben zu müssen.“ Das Ethos der Arbeitenden. Es schloss ihn nicht aus von Ruhm und Preisen: 2014 erhielt er den Büchner-Preis.

Er zieht ein Schleppnetz durch seine Sinne. Der Leser, der es durch seine Gedichte mit Prosasätzen zieht, kann Verse wie diese fangen: „Es ist Sonntag, und ich spürte es daran, daß ich mich langsamer bewegte.“ Schnitt. „Die Abendnachrichten fangen an mit Meldungen von der Virusfront, und die Kinderabende sind wieder da, als der Nachrichtensprecher meldete, was das Oberkommando der Wehrmacht von der Front bekannt gab.“ Schnitt. „Vergessenes Erleben, aber man kann sicher sein, daß es mitgewirkt hat, später, wenn wieder einmal eine Situation entstanden war, bei der man nicht wußte, ob nach der Dämmerung die Nacht kommt oder der Morgen.“ – Das sind keine Chronisten-Sätze.

Gesammelte Gedichte Jürgen Becker Suhrkamp 2022, 1120 S., 78 €

Die Rückkehr der Gewohnheiten. Journalgedichte Jürgen Becker Suhrkamp 2022, 80 S., 20 €



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Von Veritatis

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