Erasmus Schöfer hat in seinen Werken die Verflechtung von Politischem und Privatem beschrieben. Für ihn war das die Voraussetzung für die Wirkmächtigkeit von Literatur

Klügster Theoretiker der Arbeiterliteratur: Zum Tod von Erasmus Schöfer

Dass sich ein bundesdeutscher Linker im 20. Jahrhundert mit Sisyphos identifizierte, verwundert nicht. Die 68er-Bewegung war teils durch Integration, teils durch Berufsverbote entschärft worden. Erasmus Schöfer, der in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg als politischer Aktivist und Autor herangereift war, fand bei den gegen die Militärdiktatur kämpfenden Griechen mehr Ausdauer und Opfermut vor. In einem Gespräch, dass ich 2016, anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss – als dessen Nachfolger ich ihn sah – mit Schöfer führte, sagte er, dass sein 1986 publizierter Roman Tod in Athen eine optimistische Extrapolation des Mythos in Form einer Telegrafennachricht von Sisyphos enthalte: „Der Stein wird immer leichter. Es wird immer leichter, ihn auf den Berg zu schaffen. Und wenn ich da oben stehe, da sehe ich in eine Zukunft, wo der Stein als Staubkorn davonfliegt im Wind.“ Später, so Schöfer, habe er „das nicht mehr so sicher vertreten“. Drei Tage nach seinem 91. Geburtstag ist Erasmus Schöfer im Juni in Köln gestorben.

Der Beitritt der DDR zur restaurationshungrigen Bundesrepublik war für das damalige DKP-Mitglied Schöfer eine einschneidende Misserfolgserfahrung. Waren seine engagierten Hörspiele, Prosa- und Theatertexte etwa auch obsolet? Und die Arbeit als Organisator des 1965 in Dortmund entstandenen Werkkreises der Literatur der Arbeitswelt? Er war aus einer Gruppe von Autoren wie Günter Wallraff, Max von der Grün und Erika Runge hervorgegangen, die sich schon 1961 auf Anstoß von Walter Jens zusammentaten, der meinte: „Die deutsche Literatur sieht so aus, als spiele alles an einem ewigen Sonntag, weil niemand arbeitet. Höchstens ein paar Ärzte und Lehrer kamen in ihren speziellen Arbeitsbereichen vor. Das war nicht das, was industrielle Arbeit bedeutete.“

Als hochgebildeter Intellektueller, der seine Doktorarbeit über „Die Sprache Heideggers“ verfasst hatte, gelang Schöfer der Spagat, verschiedene Gruppen schreibender Werktätiger auszubilden. Im Gefolge der 68er-Bewegung eroberten die teilweise bei Rowohlt herausgegebenen Texte wie Die Kinder des roten Großvaters erzählen sogar Segmente des Buchmarkts. Als er 1989/90 überlegte, was er als Autor noch machen könne, kam Schöfer die Idee einer epischen Darstellung der politischen und kulturellen Kämpfe in der Bundesrepublik. Anfangs sei ihm nicht klar gewesen, dass er an Weiss’ Ästhetik des Widerstands anschloss, der „die Kämpfe bis 1945 beschrieben hat, und ich weitermache mit den Sechzigern bis 1989, wo es einen neuen politischen Aufbruch gab, der das Land ja doch erschüttert hat“. An den großen Demonstrationen, zum Beispiel gegen die Stationierung der Pershings, hatten namhafte Autoren wie Walser und Böll teilgenommen, „aber nicht so durchgehend und an der Basis, wie ich das gemacht habe. Das müsste ich für die Nachwelt, wenn wir denn noch eine haben, habhaft, erkennbar machen.“

Frauen bringen das Patriarchat ins Wanken

Für die zwischen 2001 und 2008 erschienene Tetralogie Die Kinder des Sisyfos nahm Schöfer Abstand von Weiss’ Sprachduktus der kunstvoll verschachtelten Sätze: „Wenn so ein Werk eine breitere Wirkung haben sollte (…), dann muss ich eine freundlichere, eine verständlichere Sprache finden. Wobei ich (…) verschiedene Stilmittel benutzt habe. Es ist ja nicht nur eine Sprache in diesen Bänden, sondern es sind ja immer wieder experimentelle Stellen darin, die ganz abweichen von normalen Texten.“

Erzählt wird über den vom Berufsverbot betroffenen Gesellschaftswissenschaftler Viktor Bliss, den Gewerkschafter Manfred Anklam und den Journalisten Armin Kolenda und deren Frauen. Es geht um die gesellschaftlichen Konflikte, in die das Ensemble der Münchner Kammerspiele eingreift, zu dem Bliss’ Frau Lena gehört, um den Widerstand gegen das Atomkraftwerk in Whyl, an dem viele Bauern beteiligt waren, um die neue Startbahn bei Frankfurt am Main und den Versuch der Arbeiter einer bankrotten Glashütte, das Unternehmen weiterzuführen – begleitet vom arbeitslosen Bliss, der dort eine Schreibwerkstatt entwickelt.

Auf den ersten Blick wird aus der Sicht dreier Männer erzählt. Aber der in Gang gekommene Wandel der Geschlechterverhältnisse gehört doch zu den zentralen Themen. Die Frauen, für die sie sich interessieren, sind nicht mehr ihre Objekte, sondern handeln als gesellschaftliche und erotische Subjekte, die das Patriarchat schmerzhaft verunsichern und ins Wanken bringen. Linke, die von einer rational geordneten Welt träumen, werden durch den Antagonismus von Trieb und Zivilisierung der Geschlechterbeziehungen besonders herausgefordert. Die Verflechtung von Politischem und Privatem zu zeigen, ist für Schöfer Voraussetzung der Wirkmächtigkeit von Literatur. Sie muss Menschen darstellen, „an denen man Anteil nehmen kann, an ihrer Entwicklung, Leute, die politisch aufgebrochen sind, Niederlagen erlebt haben und wieder aktiv geworden sind an anderer Stelle. Das ist auch die Idee hinter dem Titel Die Kinder des Sisyfos. Es ist nicht der Sisyfos, der den Stein immer wieder auf den Berg bringt, sondern es ist das Vorbild dieser revolutionären Arbeit auch für die Nachfolger von Sisyfos.“

Schöfers Liebeslyrik

Als sich die drei Freunde samt ihren Frauen zu Silvester 1989/90 bei Anklam in Duisburg treffen, lösen die dem Fernsehen entströmenden Jubelszenen am Brandenburger Tor weder Hochgefühl noch Fatalismus aus. Statt sich zu betrinken, besteigen sie das Gerüst eines stillgelegten Hochofens, auf dessen Spitze Anklam „einen roten Fetzen“ hisst, eine zerfallene, aus früheren Arbeitskämpfen im Ruhrpott stammende Fahne. „Ein Fetzen – keine Fahne“, betonte Schöfer, „wie viele fälschlich meinen, nachdem sie das gelesen haben“. Wie vieles in der Tetralogie beruht diese Szene auf einer realen Begebenheit.

Literatur und kulturelle Aktivitäten könnten, so Schöfer, das Bewusstsein schaffen, „dass man nicht auf den ökologischen Umbruch warten, sondern schon vorher üben muss, wie es ist, mit gleichberechtigten Menschen zusammen zu leben und wie wir mit den Tieren umgehen, wie das ohne Chef funktionieren soll und auch ohne Schlachten.“

2021 erschien ein Bändchen mit Schöfers Liebeslyrik, Sisyfos Lust, das sich an Albert Camus’ Idee inspiriert, dass der geplagte Sisyphos doch auch das Glück kennt. Es gelingt hier, was in der meist zwischen Prüderie und Vulgarität oszillierenden deutschen Liebesrhetorik höchst selten ist: die intimsten Freuden mit genauester Eleganz zu rhythmisieren.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.



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Von Veritatis

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