Ich laufe durch Sankt Petersburg, es ist Juni und die Nacht hell. Besoffene Jugendliche mit bunten Haaren stolpern durch silbrig glänzende Straßen. So aufgekratzt wirkt die Stadt, dass sie mir surreal erscheint und ich mich frage, ob es nur mir so geht. Irgendwann stehe ich vor einem klassizistischen Speicherhaus, über dem eine Leuchtschrift in Neonblau verkündet: You are on an island. Alle paar Sekunden erlischt das Wörtchen on. You are an island. Dann sind wir wieder on. Willkommen auf einer Insel namens Russland.

Ich kann nicht genau benennen, warum ich hergekommen bin. Ich wurde in Russland geboren und habe hier gelebt, bis ich zehn Jahre alt war. Viele meiner Vorfahren aber stammen aus der Ukraine, aufgewachsen unweit des heute ausgelöschten Mariupol. Seit dem 24. Februar 2022 fühle ich mich krank, weil ich dieses Verbrechen, den russischen Überfall auf die Ukraine, nicht bewältigt bekomme. Vermutlich bin ich also gekommen, um zu sehen, ob es irgendeine Hoffnung gibt, dass sich Russland von innen heraus wandelt.

Nichts in der Zarenstadt lässt an Krieg denken. Sankt Petersburg birst vor Touristen. Sie ziehen auch über die Insel „New Holland“, die hippe Shopping-Food-Event-Location, an der ich den leuchtenden Schriftzug in Neonblau gesehen habe. Vegane Konditoreien und Vintage-Stores bieten dort Törtchen und Kleidchen an, die gerne mal eine sibirische Monatsrente kosten. Einer der Investoren hinter dem Inselparadies ist Roman Abramowitsch, der wohl bekannteste reiche Russe. Läuft bei ihm, immer noch. Vielleicht braucht die europäische Fassade Russlands das echte Europa gar nicht mehr.

McDonalds gibt es in Moskau nicht mehr, dafür jetzt „Wkusno, i totschka“ – „Lecker und Punkt“

Foto: Grigory Sysoev/IMAGO IMAGES

In den vergangenen Monaten habe ich Aktivistinnen und demokratische Vorkämpfer besucht, in Riga, Tallinn, Tiflis. Manche von ihnen zähle ich zu meinen Freunden. Sie sind aus Russland geflohen, bisweilen nur mit dem, was sie in den Hosentaschen hatten, als sie mal raus sind, um Zigaretten zu holen. Ein warnender Anruf von Nachbarn, dass die Staatsmacht im Hausflur stehe, Flucht in eine westliche Botschaft, Ausreise. Nach Lettland, Estland, Georgien.

Eine von denen, die geblieben sind, ist Marta. Wobei Marta natürlich nicht ihr richtiger Name ist.

Wir treffen uns in einem Innenhof voller Läden und Pop-up-Stores. Marta ist 30, Künstlerin und demokratische Aktivistin. Nach dem russischen Überfall hat sie sich in den Petersburger Schnee gelegt und mit roter Farbe übergießen lassen. Stiller, aber schriller Protest. „Es ist schwer für mich, durch meine ignorante Stadt zu laufen“, erklärt Marta. Sie raucht Kette, spricht schnell, als würde ihr die Zeit zwischen ihren spindeldürren Fingern zerrinnen. „In den ersten Wochen haben viele Menschen protestiert“, sagt sie, „vielleicht haben wir den Moment verpasst, entschiedener zu handeln.“ Hinter Marta verlassen junge Menschen mit Dreadlocks und Einkaufstüten ein Schuhgeschäft. Sie feixen fröhlich und laut.

Marta erklärt ihre Überlebensstrategie: Ihre Mitstreiter und sie hätten keinen zentralen Treffpunkt, keine Anführerin. Nicht einmal einen Namen hat ihre kleine revolutionäre Zelle. „Wenn die Staatsmacht etwas findet, das sie benennen kann, greift sie zu.“ So gelinge es immerhin noch, sich mit anderen Aktiven im ganzen Land zu vernetzen, künftige Proteste zumindest anzudenken. Aber die demokratischen Kräfte leiden an einem doppelten Exodus: Viele wandern aus, andere werden verhaftet: „Wir waren früher 500, heute nur noch 30.“

Da große Aktionen nicht mehr möglich sind, konzentriert sich Marta auf Hilfe für Geflüchtete. Viele Menschen aus der Ukraine müssten zwangsweise nach Russland ausreisen, „sie kriegen nur mickrige staatliche Unterstützung, die für Behördengänge draufgeht. Sie sind völlig entmutigt.“ Ist Marta selbst das nicht auch? Sie erzählt, wie sie versucht hat, ihre eigene Familie ins Boot zu holen. Ihre Mutter sollte ihr helfen, eine Telefonhotline für Geflüchtete zu besetzen. „Ich erwarte von ihr ja nicht, dass sie im Keller Protestbanner beschriftet, aber jeder kann etwas tun.“ Doch ihre Mutter habe geantwortet, dass sie auf staatliche Stellen vertraue, die wüssten besser, was zu tun sei. „Wenn ich meine eigene Mutter nicht überzeugen kann, wen dann?“ Marta würde ausreisen, wenn ein Haftbefehl gegen sie ausgestellt würde, sagt sie dann noch. Sie wolle nicht in den Knast.

Es ist still, alle sind müde

Je länger ich durch Petersburg laufe, desto mehr fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum. Es gibt in dieser Stadt weder Krieg noch Frieden. Einzige sichtbare Propaganda sind Plakate in der Metro. Unter einem schwarz-orangen Z steht dort: #WirLassenDieUnserenNichtImStich. Diese Plakate reihen sich ein zwischen Werbung für einen Schmuckladen und die Ankündigung einer Comedysendung, die mit einem lustig dreinblickenden Detektiv beworben wird, der mit einer Lupe einer Frau in den Ausschnitt guckt. Patriotismus ist hier auch nur kapitalistische Stangenware.

Ich treffe weitere Aktivisten, von denen mir einer erklärt, dass der Westen etwas falsch verstehe, wenn er glaube, dass der Kreml einen nationalistischen Aufbruch wolle oder patriotische Raserei. „Sie schläfern Menschen ein, demobilisieren sie.“ An seiner Uni sei gerade still und leise der Dekan entlassen worden, weil er sich gegen die „Spezialoperation“ positioniert habe. Alle seien müde. So geht es mir bald auch, aber ich laufe weiter, bis mir irgendwann eine Schuhsohle abfällt.

Ich finde eine Werkstatt, die sich als Wurmloch in eine andere Zeit erweist. Obwohl sie höchstens fünf Quadratmeter misst, darf ich drinnen warten, weil ich kein zweites Schuhpaar mithabe und die alte Schuhmacherin mich nicht barfuß auf der Straße stehen lassen will. Vor ihr steht ein verrosteter Gaskocher, ein Regal voller Nähgarn und Plastiktüten und eine 40 Jahre alte Nähmaschine, eine Minerva, wie sie stolz erklärt, „aus der Tschechoslowakei“. In einer Ecke hängt ein kleiner Röhrenfernseher, es läuft eine politische Talkshow, ukrainisches Getreide wird verhandelt. Das werde nur wegen westlicher Ignoranz und ukrainischer Engstirnigkeit blockiert, sind sich alle Gäste einig. Ihr Ton ist hämisch. „Wie unterscheidet sich das ukrainische Getreide eigentlich von unserem?“, fragt ein Gast. Ein anderer antwortet: „Wenn es nach Schwarte duftet, ist es aus der Ukraine.“ Es erschallt allgemeines Gelächter.

Noch ist der Kleber feucht, die Schuhmacherin schaut auf den Fernseher, brabbelt, mehr zu sich selbst: „Was haben die nur mit diesem Getreide? Warum einigen die sich nicht?“ Sie sei dafür, dass das alles aufhöre. „Es nützt ja nichts“, sagt die kleine, alte Frau, als sie später mit einem Gummihammer die Sohle meines Schuhs festklopft. Ihre eigene Tochter lebe in Spanien, komme sie aber oft besuchen, „bis jetzt“. Sie atmet laut aus. Und schaut nicht aus dem kleinen Fenster neben ihr, sondern wieder zum Fernseher, ihrem Fenster zur Welt.

Ich fahre per Zug nach Moskau. In der Hauptstadt gehe ich immer zuerst zu jener Brücke über den Fluss Moskwa, auf der Oppositionspolitiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde. Seither ist dort ein kleiner Andachtsort entstanden, Freiwillige passen auf Fotos und Blumen auf. Immer wieder wurden sie seither von der Polizei drangsaliert oder von maskierten Unbekannten verprügelt, 2017 erlag einer der Freiwilligen nach einer solchen Attacke seinen Verletzungen. Ich erwarte diesmal nur das Schlimmste.

Autos rasen auf der vielspurigen Brücke vorbei, ganze Busladungen Touristen werden zum nahen Kreml gekarrt, überall wehen weiß-blau-rote russische Fahnen, weil bald ein Feiertag begangen wird, der „Tag Russlands“. Am Andachtsort steht eine einzelne Aktivistin, um die 50. Sie sagt: „Hier ist es nicht mehr gefährlich.“ Vor einiger Zeit hätten die Behörden ihre Strategie geändert. Ein Stadtvertreter sei vorbeigekommen und habe erklärt, Nemzow sei ein echter russischer Patriot gewesen, „einer von uns“. So sagt es die Frau und schüttelt ungläubig ihren Kopf. Ukrainische Flaggen oder Friedensbotschaften seien tabu, aber ansonsten habe der Stadtvertreter den Gedenkort gebilligt. „Die haben Nemzow eingemeindet, dabei hat er so lange gegen sie gekämpft“, sagt die Frau. Irgendwann kommt ihre Ablösung, ein älterer Herr mit Kappe. „Sie haben beschlossen, dass wir keine Gefahr mehr für sie darstellen“, sagt er und zeigt mit dem Kopf zum Kreml.

„Das Z ist schön geworden!“

Zur anderen Seite der Brücke erstreckt sich ein neuer Park mit einem halb überdachten Amphitheater. Ich sitze unter einem Glasdach, sowjetische Chansons werden gespielt, im nahen Flusswasser spiegelt sich die russische Trikolore. Vor meinen Augen ziehen Arbeiter auf einer Bühne einen Metallbogen hoch, wohl Vorbereitungen zum „Tag Russlands“. Sie machen das mit reiner Muskelkraft, wie Repins Wolgatreidler, die einen Kahn den Fluss hinaufziehen, nur ihre Gesichter sind vor Anstrengung rot und nicht vor Schwermut grau. Weiter vorne sehe ich die nahe Nemzow-Brücke, dahinter glänzen die Kuppeltürme der Pussy-Riot-Kathedrale, in der einst das berühmte Punkgebet der feministischen Aktivistinnen erklang. Irgendwann werden alle markanten Orte Moskaus nach Menschen benannt, die dort entrechtet, verhaftet, umgebracht wurden. Es wird viele neue Namen brauchen, in einem neuen Land, das aus diesem Russland hoffentlich eines Tages hervorgehen wird.

Am „Tag Russlands“, einem seltsamen, künstlichen Feiertag, von dem niemand zu wissen scheint, warum es ihn gibt, bin ich in Murom, einer Kleinstadt 300 Kilometer östlich von Moskau. Bekannt ist die Stadt für Ilja Muromez, einen mittelalterlichen Recken, eine Heldenfigur. Er soll bis ins Erwachsenenalter hinein gelähmt gewesen sein, wurde dann geheilt und befreite Kiew. An Analogien zur Gegenwart mag ich da gar nicht denken. Das Fest selbst ist klein, irgendwann spielt eine Militärkapelle, und während sie spielt, spielen Kinder auf einem Geschütz, das als Denkmal an einem zentralen Platz der Stadt steht. Ich habe so oft Kinder auf Panzer, Flugzeuge und Raketenwerfer klettern sehen, bin selbst als Kind auf sie geklettert. Es wird nicht nur neue Namen brauchen, sondern auch eine neue Erinnerungskultur, für eine neue Idee dieses Landes, die nicht auf Gewalt und Krieg aufbaut.

Zu Kriegsbeginn wirkte Putin fahrig und aggressiv. Mittlerweile ist er wieder lakonisch-verschmitzt, ganz der Alte

Foto: Valentin Yegorshin/ IMAGO IMAGES

Ich schaue nach. Der „Tag Russlands“ erinnert an die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Russland.

Als ich Richtung Osten weiterreise, nach Nischni Nowgorod und nach Samara, wird es immer ruhiger, ordentlicher, blutleerer. In Sankt Petersburg war vielleicht die gute Laune verstörend, in den beiden großen zentralrussischen Städten ist es das energetische Vakuum. Als hätte jemand alle Luft aus der Atmosphäre gesogen. Mit ihrer depressiv-sakralen Stimmung erinnern sie mich an Transnistrien. Ich war kürzlich in dem abtrünnigen moldawischen Landesteil, in dem es so sauber, menschenleer und still ist, dass man sich kaum traut, in normaler Lautstärke zu sprechen. Ich dachte immer, Transnistrien würde sich an Russland orientieren, schließlich hängt es von Moskau ab. Nun erlebt eher Russland seine Transnistrisierung.

Als ich in Samara am Hauptplatz vorbeilaufe, hängen dort am Opernhaus zwei riesige senkrechte Banner. Von einem prangt mittig ein Z, vom anderen ein V, das zweite Symbol des Überfalls auf die Ukraine. Ich begreife es einfach nicht. Falls es grundsätzlich keine Absicht war, dass das von der russischen Propaganda verwendete Militärkürzel Z an das Hakenkreuz erinnert, vor allem, wenn man zwei Z verschränkt übereinanderlegt, wenn dies also Zufall ist: Wer pinselt diesen Buchstaben dann auf lange senkrechte Banner? Jeder, der sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, hat die Bilder der Reichsparteitage im Kopf, mit solchen Bannern, in ihrer Mitte die Swastika. Sollte die ästhetische Analogie doch Absicht sein, wäre dies furchtbar. Falls nicht, wäre es so geschichtsvergessen und dumm, dass es nicht viel besser wäre. Ich muss fassungslos aussehen, weil irgendwann ein Rentner neben mir stehen bleibt und abwechselnd mich und die beiden Banner anschaut. „Ist schön geworden, nicht wahr?“, fragt er mich. Ich weiß in diesem Moment nichts zu entgegnen.

Im Zug nach Tscheljabinsk, meiner Geburtsstadt im Ural, lese ich in einer Zeitung, dass in Moskau McDonalds unter einem neuen Namen wiedereröffnet hat. Wkusno, i totschka – Lecker, und Punkt. In russischen Artikeln wird betont, dass alle Nahrungsmittel schon zuvor aus einheimischer Produktion gekommen seien, es werde sich also nichts ändern, nur schmackhafter und günstiger werde es selbstverständlich. Ich war in dem legendären ersten McDonalds am Puschkin-Platz, als Kind, vor meiner Ausreise nach Deutschland. Dort wurde permanent gewischt und gegrüßt, eine so saubere Filiale hat es weltweit wohl nie wieder gegeben. Vielleicht ist das Ende von McDonalds das sichtbarste Fanal, das die westlichen Sanktionen hervorbringen. Nur habe ich bisher niemanden hier getroffen, den es zu treffen scheint.

Ich verweile im Zugrestaurant, irgendwann setzen sich einen Tisch weiter zwei junge Soldaten, die gerade aus dem Krieg kommen. Fronturlaub. Sie tragen Tarnfarben, spielen von ihren Smartphones russischen Gangsta-Rap in maximaler Lautstärke, haben schon ordentlich getankt, bestellen noch mehr: Bier, Rotwein. Sie stammen aus Tscheljabinsk, so wie ich, das bekomme ich mit, weil eine Zugbegleiterin sie ausfragt. „Ein Unding, wie schlecht sie unsere Jungs bezahlen!“, ruft sie irgendwann ihrer Kollegin zu, die nur nickt und in der Bordküche die Bratkartoffeln wendet. Schon hat die Zugbegleiterin einem der beiden die Nummer ihrer Nichte zugesteckt, „so gute Jungs, und keine Freundinnen, das kann doch nicht sein!“

Zu spät für den Schuldenerlass

Als ich versuche, mit den beiden zu reden, wird es wirr. Der Betrunkenere erzählt ungefragt und langatmig, wie schlimm es sei, dass er zu spät von einem Schuldenerlass für „Teilnehmer“ der „Spezialoperation“ erfahren habe, „ein Tag, ja, nur einer, und fick deine Mutter, zerfickter Scheißdreck, hab weiter Schulden!“ Der Schuldenerlass war zeitlich begrenzt. Sein Kampfbruder ist etwas nüchterner, erzählt voller Überzeugung, dass die Ukrainer den Krieg begonnen hätten, zwei Stunden vor dem russischen Einsatzbefehl hätten sie losgeschlagen. Sie beide seien überdies Mitglieder einer Eliteeinheit. Auf die Frage danach, wo genau sie waren, kommt nur ein: „Im Arsch!“

Als der Nüchterne mal wieder auf die Bedienstetentoilette verschwindet, um zu rauchen, versucht der Betrunkenere mit der Zugbegleiterin rumzuknutschen, die locker doppelt so alt ist wie er. Sie lacht nur, nimmt ihn in den Arm. Später kommt er ungefragt zu mir, will mich vollquatschen, aber die Zugbegleiterin reißt ihn weg. „Hörst du wohl auf, andere Fahrgäste zu belästigen!“ Er trottet zu seinem Platz.

Beim nächsten Halt fällt er von der hohen Zugtreppe auf den Bahnsteig. Sein nüchternerer Kollege versucht, das Unglück zu verhindern. Er kann ihn nicht halten.

In meiner Heimatstadt Tscheljabinsk, die ich seit einigen Jahren nicht besucht habe, glaube ich kurz an eine Fata Morgana, weil viele Innenhöfe schneeweiß erscheinen, mitten im Sommer. Als ich näher komme, erkenne ich Pappelflaum: Samenfasern von Pappeln, die vom Wind herumgewirbelt werden und wie Schneeflocken niedergehen. Als wäre Russland eine Miniaturwelt unter einer Schneekugel, wie sie auf Weihnachtsmärkten verkauft werden. Es ist eine Miniaturwelt mit bekannter Symbolik: Auch in Tscheljabinsk hängt am Opernhaus ein senkrechtes Banner mit einem Z.

Ich treffe Verwandte, von denen die meisten „die Ereignisse“ bedauern und sagen, dass es bitter sei, dass die USA Russland so in die Enge getrieben hätten. Auch wenn ich ihnen glaube, dass sie die vielen Bomben und Toten nicht wollen, ist es nicht leicht, auf dieser Basis zu diskutieren. Mein Cousin S. erklärt mir, dass er zahlreiche Soldaten kenne und wisse, dass russische Truppen keine Kriegsverbrechen begehen würden. S. selbst betreibt eine große Baufirma, fährt ein teures Auto, hat immer ein Telefon am Ohr. Wenn eine Runde, in der er dabei ist, ein Restaurant betritt, übernimmt er die gesamte Rechnung.

Von den Sanktionen beflügelt

Er habe durch die Sanktionen zunächst Einbußen erlitten, aber mittlerweile gute Gespräche mit chinesischen Firmen geführt, die bereitstünden, westliche Maschinen und Teile zu ersetzen. Es klingt zynisch, aber ich habe bei S. und seinen Freunden fast das Gefühl, dass die Sanktionen einen sportlichen Ehrgeiz in ihnen geweckt haben, sie deshalb geradezu beflügeln. Als wir eines Abends zusammensitzen, diskutieren alle lange darüber, welche neuen Iphones sie sich zulegen. Der Rubel sei stärker als vor dem 24. Februar, die Geräte würden über China und Kasachstan ins Land kommen und seien günstiger als je zuvor. Fehlt nur noch, dass jemand mir erklärt, Probleme seien nur dornige Chancen. Aber nein, sarkastisch sind sie hier nicht. Eher über jede erdenkliche Schmerzgrenze hinaus pragmatisch. Und das in einer längst etablierten Parallelrealität.

In dieser Situation bin ich heilfroh, auch mit meinem Cousin T. Kontakt aufzunehmen. Er ist klar gegen den Krieg und arbeitet als Freiwilliger für das Bürgerrechtsportal ovdinfo.org, die einzige Plattform, die umfassend über willkürliche Verhaftungen und Misshandlungen von Demonstrierenden in Russland berichtet. Laut deren Zählung wurden mehr als 15.000 Menschen in Russland festgehalten oder verhaftet, weil sie sich gegen den Krieg geäußert hatten. Ich bin froh, dass jemand aus meiner Familie etwas unternimmt. Bezeichnenderweise ist Cousin T. derjenige, dem es wirtschaftlich sichtbar am schlechtesten geht.

Einmal schaue ich mit Cousin S. zusammen fern, es läuft gerade das Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, Putin spricht. Ich habe ihn bei seiner Rede zum Start der „Spezialoperation“ als fahrig, aggressiv, konfus wahrgenommen, als hätte er den Verstand verloren oder nicht mehr viel Zeit, aber noch so viel Schreckliches vor. Nun, beim Wirtschaftsforum, ist er wieder der lakonische Putin der vergangenen 20 Jahre. Er erzählt, dass der Westen sich seine Probleme selbst zuzuschreiben habe und sie nur aus Unfähigkeit auf Russland schiebe. „Wir wären gerne so mächtig, alles zu verursachen, aber so ist es nicht“, sagt er verschmitzt. Ein Saal voller internationaler Wirtschaftsvertreter applaudiert. Als wäre nichts gewesen.

Abends ziehen die Menschen in Tscheljabinsk über die Kirow-Straße, eine langgezogene Fußgängermeile, an der draußen mittlerweile nicht nur Alkohol, sondern sogar Zigaretten verboten sind. Statt in Kneipen sitzen die Menschen hier in Shishaläden, alle scheinen Wasserpfeife zu rauchen, traditionelle Werte hochzuhalten. Ein Mann erzählt mir erzürnt, sein Sohn, der in Köln studiere, habe dort zwei Männer miteinander knutschen sehen. So etwas gehe hier ja nicht. Insgesamt erscheint mir Tscheljabinsk, diese ur-russische Industriemetropole, heute wie eine Republik im Kaukasus. Wenn ich vorher in Samara eine Transnistrisierung ausgemacht hatte, ist es in meiner Heimatstadt eher eine Tschetschenisierung. Allmählich wird das große Russland wie seine so lange geförderten kleinen Sultanate.

Nach einigen Tagen in Tscheljabinsk kann ich das deprimierende Gefühl nicht mehr unterdrücken, dass hier nicht ansatzweise ein Wandel in der Luft liegt. Wenn überhaupt, dann in der kommenden Generation. Der Sohn von S., Anfang 20, ist wie die meisten seiner Freunde gegen den Krieg.

Irgendwann erzählt mir Cousin S., dass er seinen Sohn dazu bewegt habe, bald seinen Militärdienst zu leisten. Er müsse schließlich ein ganzer Mann werden.

Nik Afanasjew wuchs, bis er zehn Jahre alt war, in Russland auf. 2018 veröffentlichte er das Buch König, Krim und Kasatschok, auf der Suche nach dem Russland seines Vaters. Zuletzt war er als Reporter durch die Staaten am neuen Eisernen Vorhang unterwegs, von Finnland über Moldawien bis Georgien – und in Russland



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Von Veritatis

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