Eine Reise zurück in die 90er Jahre. Der FC Bayern München holte damals seine Verstärkungen fast alle vom Karlsruher SC: Oliver Kahn, Mehmet Scholl, Oliver Kreuzer, Michael Sternkopf, Michael Tarnat. Jeder Transfer, den die Bayern sich in den Kopf setzten, konnte realisiert werden. Und einige der KSCler hinterließen tiefe Spuren in München. Was also hat der FC Bayern richtig gemacht?

Uli Hoeneß war der Manager, er fädelte alle Wechsel ein. In Karlsruhe hatte er eine feste Blumenhandlung, die er bei jedem Besuch aufsuchte. Anschließend fuhr er zu den Spielern, die er haben wollte, nach Hause. Und dort war immer jemand, der sich über das mitgebrachte Gebinde freute: Freundin, Ehefrau, Mutter. Das perfekte Entree fürs Vertragsgespräch. Hoeneß wusste: Am Anfang einer Geschäftsbeziehung steht die Schmeichelei. Er zeigte seine Wertschätzung für den (zukünftigen) Partner.

Wertschätzung ist der Fußballbegriff der Stunde. Gerade jetzt, mitten in der Transferzeit. Jahrzehntelang dachten wir naiven Menschen, das sei ein Codewort für weit über dem Inflationsausgleich steigende Spielergehälter. Wenn ein Profi ankündigte, dass er sich ins Ausland verändern wolle, um eine neue Sprache und Kultur kennenzulernen, kicherten wir wissend: Wohl eher eine neue Währung.

Bei den Bayern verdienten die Besten zu Anfang des Jahrtausends fünf, sechs Millionen Euro pro Saison, vor wenigen Jahren erst knackten die ersten Münchner Akteure die zehn Millionen. Doch mittlerweile haben sich diese Spieler schon zur Zwanzig-Millionen-Euro-Grenze hochgearbeitet. Längst schon würden sie nicht nur den Klebstoff-Unternehmer Generaldirektor Haffenloher aus Helmut Dietls München-Satire Kir Royal mit Leichtigkeit in die Tasche stecken, sondern auch die CEOs der in der bayerischen Landeshauptstadt ansässigen Dax-Unternehmen.

Es geht um Gesten – nicht um Geld

Doch während von den Chefs von Siemens, Allianz und Münchner Rück kein Wehklagen über die Atmosphäre in ihren Betrieben zu vernehmen ist, vermissen Kicker wie Robert Lewandowski und Serge Gnabry das Wohlgefühl. Hat man vom Vorstandsvorsitzenden von BMW gehört, in ihm sei etwas gestorben, weil die Sekretärin den Kaffee nicht auf die Sekunde serviert? Lewandowski jedoch fühlt sich wie tot, weil er in Ermangelung von Zuspielen seiner Kollegen dieses Jahr keine 42 Bundesliga-Tore geschossen hat. Würde bei BMW ein Ingenieur aus der Verbrenner-Generation grollen, wenn seine Firma einen Blick in die E-Zukunft der Mobilität richtet? Nein. Was jedoch sagt Lewandowski, wenn sein Verein bei Erling Haaland anruft? Mangelnde Wertschätzung. Den Schmerz über die auch nur angedachte Untreue können zwanzig Millionen offensichtlich nicht lindern.

Ihre Gehälter sind wohl auch für die Spitzenfußballer eine absurde Monopoly-Zahl. Acht Stellen, das ist eben mehr, als sie verstehen können. Deshalb brauchen sie Werte, die real sind, die sie greifen können. Den Urschrei nach Wertschätzung ließ der Italiener Ciro Immobile los, als er einst in Dortmund scheiterte: Keiner aus dem Team lud ihn mal zum Essen ein. Und jetzt Lewandowski: Er mag nicht die 21. oder 22. Million, sondern den von einem Mitspieler verschwörerisch zugesteckten Schokoriegel und von Trainer Julian Nagelsmann keine Belehrung, sondern ein unterwürfiges Nicken. Oder von Oliver Kahn ein hingehöhntes „Der Haaland ist doch eh nur verletzt – du nie“.

Dieser Transfersommer zeigt: Es geht nicht um Geld, sondern um Worte, um Gesten, Sadio Mané kommt zu den Bayern, weil die ihn zu Hause aufsuchten und nett zu ihm waren. Sicher ein zeitloser Tipp von Altmeister Hoeneß.



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Von Veritatis

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