Nehmet und trinket alle daraus. Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Moment, klingt das nicht ein wenig nach Vampirismus?

Zumindest für Nicht-Christ:innen sind die katholische Eucharistie und das evangelische Abendmahl eine erstaunlich blutige Angelegenheit. Der Wein, den Jesus seinen Jüngern anbot, sollte sein Blut symbolisieren, das Brot seinen „Leib“. Untote werden sie ohnehin alle, dafür sorgt die Auferstehung. Würde ein Horrorautor Jesu Worte wörtlich nehmen, er hätte eine hervorragende Grundlage für eine Genreserie.

Mike Flanagan, dessen Adaption von Spuk in Hill House 2018 ein Netflix-Hit war, ist so ein Autor. Dass eine Midnight Mass, eine „Mitternachtsmette“ nicht am Tag stattfindet, könnte eben auch mit dem Sonnenproblem eines Beteiligten zusammenhängen. Damit zu Father Paul Hill (Hamish Linkater), der in Midnight Mass das abgelegene Crockett Island als Ersatz für den alten „Monsigniore“ betritt, weil letzterer seinen Hirtenpflichten für die 128 Mitglieder der katholischen Inselgemeinde leidenschaftlich, aber alters- und demenzbedingt immer wackeliger nachkam. Der junge Gottesmann fällt zunächst durch seinen angenehmen Bariton und die sichere Leitung der Messe auf, die Insulaner:innen, eine eingeschworene Gemeinschaft mit festen Funktionen (der schlecht gelaunte Säufer, der fleißige Bürgermeister, die beflissene Diakonin) sind begeistert.

Father Hills Charisma spricht sich herum, die Kirche, die bislang nur an hohen Feiertagen stärker frequentiert war, füllt sich. Als Hill das gelähmte Mädchen Leeza (Annarah Cymone) bei einem Gottesdienst auffordert, sich den „Leib Gottes“ von der oberen Kirchenstufe abzuholen, stehtdas Mädchen plötzlich auf und kann wieder gehen. Und schon die Bibel wusste: Nichts tut einem Glauben so gut wie ein schickes Wunder.

Dass Hills angebliche Fähigkeiten allerdings mit der Gnade Gottes so wenig zu tun haben wie der Beelzebub mit einer Novizin, das kündigt sich schon früh an, wenn auch zaghaft: Flanagan nimmt sich Zeit für seinen Spannungsaufbau, erzählt seine von Kirchenchören getragene Geschichte im eingegrenzten Setting kapitelartig wie biblische Gleichnisse und strickt sein Personenkarussell sorgsam drum herum. Da gibt es den ehemaligen Start-up-Unternehmer Riley (Zach Gilford), der nach einem Gefängnisaufenthalt auf die Insel zurückkehrt und seine Schuld – er hat betrunken eine Frau totgefahren – genauso wenig vergessen kann wie sein Vater Ed (Henry Thomas, der in E. T. Elliott spielte). Rileys Jugendfreundin Erin (Kate Siegel) lebt ebenfalls nach Enttäuschungen wieder auf Crockett, ihre Schwangerschaft lässt sie von der lokalen Ärztin Sarah (Annabeth Gish) betreuen. Und Sheriff Hassan (Rahul Kohli) und sein Sohn werden als Muslime scheel von der despektierlichen Diakonin Bev (Samantha Sloyan) beäugt.

Flanagan setzt in seiner Erzählung einerseits auf die Vertrautheit der Gemeinschaft, in der jeder weiß, wer mit welcher Fähre kommt und geht: Die Insel ist wie ein von der See eingefasster Kontrollraum, in dem jeder den anderen observiert. Andererseits entlarvt der Regisseur bewusst die Genreerwartungen, indem er die sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzte Gruselkonvention (Spannungsmusik, schaurige Andeutungen wie leuchtende Augen im Dunkel oder ein geflügeltes Etwas, das nachts über die Ebene saust, ausgewählte Jumpcuts) bricht und sich auf Dialoge konzentriert: Erin und Riley haben ein philosophisches, deutlich atheistisch geprägtes Gespräch über das Leben nach dem Tod, der Sheriff erzählt eindrücklich von seinen Erlebnissen als muslimischer Polizist nach 9/11, und Diakonin Bev interpretiert jeden Fliegenschiss mit viel Transferleistung als Zeichen Gottes.

Irgendwann, und mit steigender Ungeduld erwartet, müssen aber „irdische Körper sterben, damit der himmlische Körper erwacht“, wie Bev es formuliert. Dass das Ganze blutig vonstatten geht, versteht sich von selbst. Dass es nichts mit Gott zu tun hat, ebenfalls. Midnight Mass ist ein wunderbar gottloses, herausragend gefilmtes Werk, das religiöse Vorstellungen als das entlarvt, was sie sind: Verständliche Hilfskonstruktionen, um in einer eigenen Blase bleiben zu dürfen. Und das gilt für Gottes- genauso wie für Teufelsanbeter:innen.



Quelle:

Von Veritatis