Seit mehr als einem Jahr leben Millionen von Menschen auf diesem Planeten in einer Art Ausnahmezustand. Vielen von ihnen wurden Freiheiten weggenommen, die sie vorher alltäglich auslebten und deshalb vielleicht nicht mehr als wertvoll oder wichtig wahrnahmen. Seit mehr als einem Jahr Corona ist die Faktenlage klar genug, um zu verstehen, dass eine Aufklärung mittels medizinischer Fakten nicht ausreicht. Die Evidenz verdichtet sich immer weiter, sodass mittlerweile klar ist, dass fast alle Maßnahmen und insbesondere die nicht-pharmazeutischen Interventionen laut Harvard-Professor für Medizin, Biostatistik und Epidemiologie Martin Kulldorff der größte Fehler in der Gesundheitspolitik aller Zeiten sind. Jedoch werde ich jetzt nicht den nächsten Text verfassen, der faktenbasiert darlegt, dass es keine Evidenz für einen neuartigen Killervirus gibt und schon gar nicht für eine epidemische Lage nationaler Tragweite. Auch werde ich nicht erörtern, dass die Corona-Maßnahmen keinen signifikanten Einfluss auf das Infektionsgeschehen hatten und mehr Schaden anrichteten als Nutzen. Die Lockdowns gingen zulasten der Armen, Schwachen und Kinder und zugunsten der Laptop-Klasse und Superreichen, die im Homeoffice von Solidarität schrieben.

„Wie immer klafft eine enorme Lücke zwischen den Menschen, die elitäre Medien und politische Plattformen nutzen, um Lockdowns zu fordern, und den Menschen und Familien, die tatsächlich die Last dieser Maßnahmen tragen. Darum ist das Werben für Lockdowns für die Eliten so billig und einfach” (1).

Diesbezüglich ist alles gesagt. Viel spannender scheint doch die Frage, warum manche Menschen die Eingriffe in ihre Grundrechte als so einschneidend wahrnehmen, dass sie vehement nach einer faktischen Begründung verlangen und das Fehlen derer lautstark kritisieren und manche Menschen eben nicht.

Es könnte daran liegen, dass ein anscheinend eher kleiner Teil der Bevölkerung die Grundrechtseinschränkungen als so übergriffig wahrnimmt, dass sie sich dagegen schützen will. Ein scheinbar größerer Teil nimmt die Einschränkungen entweder nicht als Übergriff wahr, da sie an das Narrativ der Regierung glauben und deshalb annehmen der Lockdown wäre verhältnismäßig. Und ein anderer, meines Empfindens viel größerer Teil weiß um die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen, empfindet diese aber nicht als übergriffig genug, um sich dagegen in irgendeiner Form zu wehren. Das Maß ist noch nicht voll und das Fass noch nicht am Überlaufen.

Aus einer Untersuchung der Universität Erfurt im Zuge des Covid-19 Snapshot Monitoring (COSMO) geht Folgendes hervor: Nur 32 Prozent der Befragten vertrauen dem Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung, während 50 Prozent kein Vertrauen haben.

Nur 54 Prozent der Befragten halten die aktuellen Maßnahmen für angemessen.

Es ist also deutlich zu sehen, dass Millionen von Menschen die Maßnahmen als unverhältnismäßig ansehen und kein Vertrauen in das Krisenmanagement der Autoritäten haben. Ich kenne in meinem zugegebenermaßen nicht repräsentativen Umfeld niemanden, egal ob geimpft, Maske tragend oder ungeimpft, der mit wirklicher Überzeugung hinter allen Corona-Maßnahmen steht.

Scheinbar ist ein Großteil der Bevölkerung geduldig oder empfindet die aktuellen Einschränkungen nicht als signifikanten Eingriff in ihr Leben. Sie harren weiter aus und dulden Dinge, die von historischen Ausmaß sind und bei der kleineren Gruppe der Widerständler starke Empörung hervorrufen.

Ich vertrete die These, dass der Großteil der Menschen sich stetig daran gewöhnt hat, übergriffig behandelt zu werden, und sich an ein Kontinuum der Machtlosigkeit gewöhnt hat. Aus meiner jahrelangen therapeutischen Tätigkeit weiß ich, dass der Anpassungsprozess an übergriffiges Verhalten schleichend und teils unbemerkt abläuft, sodass sogar die aktuellen, historischen Grundrechtseinschränkungen von vielen nicht als starke Grenzüberschreitung wahrgenommen werden. Damit meine ich, dass viele Menschen und Generationen sich Stück für Stück daran gewöhnt haben, in ihrer persönlichen Integrität und Souveränität beschnitten zu werden, oftmals ohne das bewusst wahrzunehmen.

Dieser Prozess beginnt in den meisten Fällen bei einer Geburt voller Interventionen und Grenzverletzungen, setzt sich in der frühen Kindheit fort und endet in einer unwürdigen und unmündigen Pflege der alten Menschen in unserer Gesellschaft. Im aktuellen Fall erscheint es so, dass die Menschen die Eingriffe als begründet wahrnehmen und deshalb dulden. Spannend ist aber, inwiefern das Verständnis für die angebliche Verhältnismäßigkeit eine selbst erlangte und faktenbasierte Einschätzung ist oder eben nur der Glauben an die Angemessenheit aufgrund der Postulierung dessen durch vermeintliche Autoritäten. Sind wir es gewohnt, den Autoritäten zu glauben, ohne selber geprüft zu haben, ob getroffene Aussagen stimmen? Dieser Glauben erspart den arbeitsreichen und auch unbequemen Prozess, sich eine unabhängige Meinung zu bilden, die von der scheinbaren Mehrheitsmeinung abweichen könnte und dann zu sozialer Isolation führen könnte. Als soziale Wesen ist das unsere größte Angst, die wir in uns tragen: die Angst vor Ausgrenzung. Damit geht ein lebenswichtiger Wunsch dazuzugehören einher. Daraus resultiert ein gewisser Hang zur Konformität.

Grundlage für das Erkennen eines übergriffigen Verhaltens ist die Wahrnehmung eigener Grenzen, Bedürfnisse und Rechte. Dazu zählt auch, zu welchem Preis ein Mensch bereit ist, sein Leben für andere einzuschränken. Nehmen wir an, eine Person empfindet sich als frei und das Leben als kostbares Geschenk, welches eigenverantwortlich zu gestalten ist. Aus diesem Verständnis heraus erscheint ein unbegründeter und unverhältnismäßiger Eingriff in die Selbstbestimmtheit als Übergriff und wird wahrscheinlich mit Abwehr und kritischem Hinterfragen beantwortet werden. Ich unterstelle deshalb, dass viele der engagierten Kritiker der aktuellen Lockdown-Politik ihren Protest aus genau diesem Bewusstsein heraus speisen.

Ich zähle mich jedenfalls dazu. Ich empfinde es als selbstverständlich, dass ich entscheide, was ich arbeite, mit wem ich mich wo und wie treffe, wohin ich reise und wie ich mich um meine Gesundheit und die meiner Familie kümmere. Ich empfinde es auch als natürlich und normal, dass ich sagen und denken kann, was ich will und dass mein Gegenüber das Gleiche tut, so lange es im Rahmen unserer rechtlichen Vereinbarungen und auf dem Boden gegenseitigen Respekts geschieht.

So eine offene Kommunikation kann zu Konflikten führen, jedoch erachte ich das Aushalten von Konflikten als das kleinere Übel als die Angewohnheit, nicht mehr die Wahrheit zu sagen oder die Wahrheit meiner Mitmenschen nicht mehr mitgeteilt zu bekommen.

In meiner Arbeit mit Menschen und deren Lebensgeschichte habe ich es sehr oft mit Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung und Grenzüberschreitung zu tun. Ich erlebe immer wieder das gleiche Phänomen: Menschen entscheiden sich dafür, Dinge für andere zu tun oder mit sich machen zu lassen, die sie eigentlich nicht wollen. Sie landen wiederholt in der gleichen Situation, ohne bewusst zu verstehen, dass sie diese Situation immer wieder selber erschaffen. Sie tun das, indem sie etwas Unstimmiges erdulden oder Entscheidungen treffen, ohne zu merken, dass diese in erheblichem Maße auf Kosten der eigenen Gesundheit gehen. Dazu zählt auch keine Entscheidung zu treffen, sondern passiv das Leben oder andere entscheiden zu lassen.

Immer haben diese Verhaltensweisen ihren Ursprung in den frühesten Erfahrungen des Lebens, in einer Zeit also, in der der Mensch voll und ganz abhängig von der Zuwendung, Liebe und Fürsorge der Eltern ist. Werden in dieser Zeit wiederholt verbale, emotionale oder körperliche Übergriffe erlebt, entwickelt das Kind Strategien, um damit umzugehen. Bei dieser Grenzüberschreitung handelt es sich nicht nur um offensichtliche, physische Gewalt. Emotionale Manipulation, starke Erwartungen an das Kind, Bestrafung durch Liebesentzug oder absichtliches Ignorieren kindlicher Bedürfnisse und vieles mehr sind mögliche, meist unbewusste Varianten von negativ prägenden elterlichen Verhaltensweisen.

Laut einer aktuellen repräsentativen Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, UNICEF Deutschland und dem Deutschen Kinderschutzbund ist „jeder zweite Deutsche noch immer der Auffassung, dass ein Klaps auf den Hintern noch keinem Kind geschadet habe. Jeder Sechste hält es sogar für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen“.

Menschen, die Gewalt verschiedener Art in der Kindheit erleben, werden in ihrem eigenen Erziehungsstil geprägt. So kommt dieselbe Studie zu folgender bedeutenden Aussage:

„Bezüglich der Einstellung gegenüber Prügel in der Erziehung im Zusammenhang mit dem erinnerten Erziehungsverhalten der Eltern konnten dieselben Ergebnisse gezeigt werden, wie auch bei den anderen zwei Körperstrafen. Wieder ist das Erleben von Ablehnung und Strafe im erinnerten Erziehungsverhalten durch den Vater assoziiert mit einer starken Befürwortung von Prügel in der Erziehung. Auch Ablehnung und Strafe im erinnerten Erziehungsverhalten durch die Mutter ist assoziiert mit einer starken Befürwortung von Prügel in der Erziehung. Befragte, die sich an emotionale Wärme durch den Vater und emotionale Wärme durch die Mutter erinnern, lehnen Prügel in der Erziehung signifikant häufiger ab.“

In einer Studienarbeit zum gleichen Thema heißt es:

„Sodann stellt Klaus A. Schneewind ausgehend von elitären Forschungsbefunden aus repräsentativen Dunkelfeldstudien empirische Befunde zur Prävalenz elterlicher Gewalt vor. Erschreckenderweise geht daraus hervor, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche bereits im Kindesalter Erfahrungen mit körperlicher Erziehungsgewalt machen. So gaben knapp 75 Prozent aller Befragten an, ‚‹selten› oder ‹häufiger als selten› körperlicher Erziehungsgewalt ihrer Eltern ausgesetzt gewesen zu sein‘. 10,6 Prozent berichteten, ‚von ihren Eltern körperlich misshandelt worden zu sein und 44 Prozent von ihnen ‹häufiger als selten›‘.“

Eine internationale UNICEF-Untersuchung kommt sogar zu folgendem Ergebnis:

„Das Ausmaß von Gewalt ist erschreckend: Nach Schätzungen von UNICEF erleiden weltweit drei von vier Kindern zwischen zwei und vier Jahren Gewalt durch Eltern und Erziehende.“

Anhand dieser Beispiele lässt sich erahnen, dass ein Großteil der Bevölkerung in der modernen Welt in der Kindheit Übergriffigkeit erlebt hat. Dabei befindet sich das Kind in einer sehr prekären Zwickmühle, weil es die Zugehörigkeit zu seinen Eltern zum Leben braucht und nur begrenzt in der Lage ist, Übergriffe aktiv abzuwehren. Deshalb bleibt nur die Möglichkeit, die Dinge über sich ergehen zu lassen und sich vom Geschehen emotional abzuspalten. Dieser Prozess der inneren Spaltung wird Dissoziation genannt und umschreibt den Vorgang, bei dem eine Trennung zwischen äußerem, sinnlichem Erleben und der emotionalen Verarbeitung aufgrund starker Überforderung stattfindet. Ebenfalls entstehen so Ohnmacht und Hilflosigkeit, die als Lebenshaltungen abgespeichert werden können.

Das sind ideale Voraussetzungen, um auch als Erwachsener starke Eingriffe in die eigene Souveränität nicht wahrzunehmen oder sie zu erdulden.

Es wäre einfach zu glauben, dass es leicht ist, ein früh erworbenes und aktuell nicht mehr dienliches Verhalten zu erkennen und dann zu ändern. Jedes erlernte Verhalten hatte oder hat einen Vorteil für den Handelnden. Dieser „Vorteil“ ist vielen jedoch nicht bewusst. Meistens liegt er getarnt unter der Frage: „Womit müsstest du dich konfrontieren, wenn du für dich und deine Grenzen einstehst?“ Dieser Vorteil liegt meist darin, dass das Wahren der eigenen Grenzen mit einem Konflikt oder möglichen Verlust einhergehen könnte, welcher scheinbar schwerer zu verkraften ist als die Grenzüberschreitung.

Auch hier findet eine Fortführung der eigenen Geschichte statt. Das Aufbegehren gegen die eigenen Eltern bedeutete die Gefahr, elementar wichtige Zugehörigkeit zu verlieren. Somit war es sinnvoll, dieses Grundbedürfnis als kleines Kind nicht aufs Spiel zu setzen. Nach jahrzehntelanger Wiederholung hat sich diese Verhaltensweise verfestigt und wird auch im Erwachsenenalter angewandt, obwohl die ursprüngliche Angst des Zugehörigkeitsverlusts zu den Eltern nicht mehr in gleichem Maße relevant ist. Oft sind diese Verhaltensweisen ein so integraler Bestandteil der eigenen Persönlichkeit, dass sie erstens nicht wahrgenommen werden und zweitens eine Änderung Kraft, Bewusstheit, Mut und Zeit kosten.

Wir wissen genug, um zu verstehen. Aber können wir anders handeln?

Die aktuellen Geschehnisse, in denen wieder und wieder starke Eingriffe (Verordnungen) in das persönliche Leben der Bürger durch Autoritäten beschlossen werden, ohne dass es dafür einen Grund gibt, zeigen eigentlich nur auf, wie es um unsere Gesellschaft bestellt ist. Es ist ein Test. Es ist das Milgram– und Asch-Konformitätsexperiment 2.0. Die jahrhundertealte Geschichte sich wiederholender Gewalt- und Machtexzesse begegnet uns im Kleide der Pandemiebekämpfung mit der Frage, ob wir Geschichte nur verstanden haben oder ob wir bereit sind, uns endlich anders zu verhalten?

Das Experiment des Psychologen Stanley Milgram hat gezeigt, dass Menschen anderen Menschen Schaden zufügen, wenn eine Autorität, zum Beispiel ein Arzt, sie zu diesem Verhalten auffordert:

„Sechzig Prozent aller Versuchspersonen waren in einem vermeintlichen Lernexperiment bereit, einen vermeintlich ungelehrigen Schüler für falsche Antworten zu bestrafen und ihn dabei mit Stromstößen zu Tode zu foltern. Etwa neunzig Prozent verabreichten ihm Stromstöße in lebensbedrohlicher Dosis.“

Eine wichtige positive Erkenntnis des Experiments ist jedoch, dass alle Menschen auf diese Situation mit messbarem Stress reagiert haben, da sie diese Aufforderung in einen inneren Konflikt brachte. Rutger Bregman beschreibt in einem Kapitel seines Buches „Im Grunde gut“ die Verhaltensweisen der Personen, die das Experiment abbrachen. Alle, die sich erfolgreich der Anweisung widersetzt haben „setzten ausnahmslos auf drei Taktiken von ‚Kommunikation und Konfrontation. Mitgefühl und Widerstand‘“:

  • mit dem Opfer sprechen,
  • den Mann im grauen Kittel auf seine Verantwortlichkeit ansprechen,
  • mehrere Weigerungen weiterzumachen.

Der Psychologe Matthew Hollander analysierte die Sitzungen des Protokolls und kam zu dem Schluss, dass eigentlich alle Teilnehmer das Experiment beenden wollten: „Was Milgrams Helden unterscheidet, ist eine größtenteils erlernbare Kompetenz im Widerstand gegen zweifelhafte Autorität.“

Das Experiment hat aber auch gezeigt, welche persönlichen Eigenschaften notwendig sind, um gesunden Gehorsam zu leisten und der inneren Stimme mehr zu vertrauen, als den Anweisungen der Ärzte:

„In anschließenden Befragungen stellte Milgram fest, dass viele Ungehorsame den Widerstand gegen die Autorität aus einer starken persönlichen Überzeugung oder Weltsicht zogen. Bei den meisten war es ein religiöser Zusammenhang, der ihnen Wegweiser für moralisches Handeln war.
Anders herum gedacht beweist das Milgram-Experiment: Je einsamer das Individuum, je geringer die Einbindung in größere soziale Strukturen, umso größer ist die Gefahr der Gehorsamsbereitschaft. Ein anderer entscheidender Faktor, der zum Ungehorsam führte, war die Haltung zur persönlichen Verantwortung für das eigene Handeln“
(2).

Das Konformitätsexperiment von Sozialpsychologen Solomon Asch hat gezeigt, dass der persönliche Wunsch nach Zugehörigkeit so stark ist, dass Menschen ihre eigene Wahrnehmung verleugnen und lieber die Wahrheit der Gruppe annehmen. 75 Prozent der Probanden beantworten eine Frage absichtlich unwahr, weil alle anderen die Frage auch unwahr beantworten.
„Als sie nach dem Experiment befragt wurden, sagten die meisten von ihnen, dass sie nicht wirklich an ihre konformen Antworten glaubten, sondern sich der Gruppe anschlossen, aus Angst, sich lächerlich zu machen oder für ‚seltsam‘ gehalten zu werden“ (3).
Das Experiment hat auch gezeigt, dass sobald eine Person in der Gruppe die offensichtlich richtige Antwort gab, der Proband wahrscheinlicher auch die richtige Antwort gab.
„Asch fand heraus, dass die Anwesenheit eines ‚wahren Partners‘ (eines ‚echten‘ Teilnehmers oder eines anderen Schauspielers, der die richtige Antwort auf jede Frage geben sollte) die Konformität verringerte. In Studien, in denen ein Schauspieler die richtigen Antworten auf die Fragen gab, antworteten nur 5 Prozent der Teilnehmer weiterhin mit der Mehrheit“ (4).
Jede Person, die sich traut, die eigene Wahrheit auszudrücken, kann es anderen Menschen leichter machen, das eigene Erleben auch zum Ausdruck zu bringen, obwohl es nicht der Mehrheitsmeinung entspricht.

Wir stehen vor der Frage, ob wir wirklich etwas aus der Geschichte gelernt oder lediglich Wissen über die Geschichte abgespeichert haben, ohne es verinnerlicht und für uns integriert zu haben. Hier genau liegt der springende Punkt der Debatte. Wir „wissen“ zwar kognitiv um die gesellschaftlichen Geschehnisse in der Vergangenheit, die zu Totalitarismus, Ausgrenzung, Gewalt und falschem Gehorsam geführt haben, jedoch kennen wir unsere eigene, persönliche Geschichte nicht. Die meisten Menschen hatten nie Anlass oder Zeit, den eigenen totalitären, gehorsamen oder auch gewaltbereiten Tendenzen, die sie infolge früher Traumatisierungen in sich tragen, auf den Grund zu gehen und würden sich deshalb sehr wahrscheinlich genauso verhalten wie die Probanden in den oben erwähnten Experimenten.

Vielleicht kann diese Krise uns dazu motivieren zu erkennen, dass trotz aller historischen Beispiele und vermeintlicher Aufklärung im Außen sich die Geschichte vor unseren Augen wiederholt. Und damit eröffnet sich die Möglichkeit zu erkennen, dass ein wahrer Wandel dann möglich wird, wenn wir es einerseits wagen, Forscher unserer eigenen Geschichte zu werden.

Hoffentlich kann uns die Zeit des Einsperrens (Lockdown) zu dem führen, was wir in uns weggesperrt (lockedup) haben.

Wenn wir uns dem zuwenden und in guter Begleitung die eigene Geschichte integrieren und annehmen, können wir verhindern, uns Generation für Generation übergriffig behandeln zu lassen, in dem wir bereit sind, uns lautstark und selbstbewusst zu wehren, um für uns einzustehen. Ebenfalls wird es uns dann möglich sein, Übergriffe gegenüber anderen schneller zu erkennen und den nötigen Mut zu haben, uns für andere einzusetzen. Dafür brauchen wir eine kritische Masse in der Bevölkerung, die bereit ist, sich dem Prozess der eigenen, inneren Demokratisierung zu widmen.

Andererseits braucht es dringend ein gesellschaftliches Klima, welches das Aussprechen der eigenen subjektiven Wahrheit fördert. Wenn wir die Stimme der Minderheiten als wichtigen Impuls für gesellschaftliche Entwicklungen inkludieren und schätzen, erlauben wir es Menschen, ihrer Wahrheit treu zu bleiben, anstatt diese aufgrund von Konformitätsdruck zu verschweigen. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis. Das Wissen um die Wichtigkeit eines inkludierenden demokratischen Prozesses ist Teil vieler indigener Kulturen. Hier beschreibt Dr. Jeannette Armstrong das Konzept „Enowkinwixw”, welches darin besteht, dass es ein nach Inklusion strebender Prozess ist:

„Anstatt Minderheiten auszuschließen, versuchen wir es der Minderheit zu ermöglichen, ihr Anliegen zu artikulieren, da Minderheiten oftmals etwas sehr anderes alle anderen sagen. Sie erleben etwas, das von dem abweicht, was andere in der Gemeinschaft gerade erleben. Immer wenn es ein Problem gibt, ist die Stimme der Minderheiten die wichtigste und das Verständnis für diese Stimme notwendig, um den Konflikt oder das Problem zu lösen. Wenn diese Stimme keinen Weg findet, ihr Anliegen zu artikulieren, und damit nicht gehört wird, ist die ganze Gemeinschaft in Schwierigkeiten. Die Stimme der Minderheit ist deshalb ein wichtiger Faktor zur Bestimmung dafür, wie unsere Gemeinschaft kommuniziert und zuhört. Zuhören ist dabei der wichtigste Teil und damit einhergehend Wege zu finden, die die Ideen der Minderheiten einbeziehen” (5).

Wie Asch und Milgram gezeigt haben, war es die Kommunikation mit anderen und das Aussprechen der eigenen Wahrheit, die „guten Ungehorsam“ gefördert haben. Mit einem gestärkten Selbstbewusstsein und einem Gespür für das persönlich Richtige in einem wertschätzende und offenen Umfeld haben wir beste Chancen, uns sinn- und friedensstiftend in die große Gemeinschaft einzubringen. Ganz aktuell ist es von großer Bedeutung welche Wahl wir in Bezug zu den gesellschaftlichen Entwicklungen treffen. Beobachten wir das Geschehen und schweigen, obwohl wir Kritik daran haben? Lenken wir uns ab und schauen weg, da uns das Geschehen überfordert? Sind wir geduldig in der Hoffnung, dass alles bald vorbei ist? Oder stehen wir auf und benennen wir lautstark die offensichtlichen Übergriffe auf uns und unsere Mitmenschen, darunter Kinder und Alte! Denn:

„Es gibt keine Möglichkeit, bei diesem Referendum einfach nur am Rande zu stehen. Schweigen ist eine Wahl. Diejenigen, die sich für das Schweigen entscheiden, signalisieren damit, dass ihnen ihre Freiheit weniger wert ist als die Unannehmlichkeiten, die entstehen, wenn sie ihre Meinung sagen und die Konsequenzen tragen müssen. Sie legitimieren damit die Einschüchterungsversuche des Regimes, indem sie zeigen, dass sie funktionieren. Dennoch werden sich viele aus Angst vor Konsequenzen für die vermeintliche Sicherheit des Abseits entscheiden. Diese Angst ist berechtigt und verständlich. Die Strafen sind in diesem Spiel sehr real. Aber entweder lässt man sich von dem Ansturm mitreißen oder man bleibt hartnäckig. Das sind die beiden Möglichkeiten: Freiheit auf der einen Seite. Knechtschaft auf der anderen“ (6).


Quellen und Anmerkungen:

(1) Prof. Martin Kulldorff, Professor of Harvard Medical School auf Twitter: https://twitter.com/MartinKulldorff/status/1426244222718517248
(2) https://www.rubikon.news/artikel/nur-mut
(3) https://www.simplypsychology.org/asch-conformity.html
(4) https://en.wikipedia.org/wiki/Asch_conformity_experiments#cite_note-Asch1951-1
(5) Dr. Jeannette Christine Armstrong, geboren 1948 in Okanagan, ist eine kanadische Autorin, Pädagogin, Künstlerin und Aktivistin.
(6) Julius Ruechel, siehe: https://blog.bastian-barucker.de/der-kaiser-hat-keine-kleider-ueber-den-mut-den-bann-zu-brechen/





Quelle:

Von Veritatis